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Bahnhof Treysa – alles bleibt anders

„Eine bodenlose Frechheit“, mit diesem Zitat fasste Nadine Moos, Klientin der Hephata-Behindertenhilfe, heute Morgen in einer Pressekonferenz die erneuten Verzögerungen beim Umbau des Treysaer Bahnhofs zu einem barrierefreien Bahnhof zusammen.

Denn nach den jüngsten Mitteilungen der Deutschen Bahn AG werden die Umbauarbeiten auch in diesem Jahr nicht beginnen.

Zwar besteht für den barrierefreien Umbau des Treysaer Bahnhofs seit dem Jahr 2015 Baurecht, jedoch nur für eine angepeilte Bahnsteighöhe von 55 Zentimetern. Im neuen Bahnsteigkonzept der Bahn ist nun aber von 76 Zentimetern Höhe die Rede. Die Umsetzung würde ein neues Planfeststellungsverfahren bedingen, mehr Geld kosten und mehr Zeit benötigen. In der Pressekonferenz am Montagmorgen äußerten sich deswegen neben Nadine Moos auch Wolfgang Rausch, Geschäftsführer des Nordhessischen Verkehrsverbunde (NVV), Lothar Ditter, Erster Stadtrat der Stadt Schwalmstadt, und Frank Keller, Mitarbeiter der Hephata-Behindertenhilfe und Moderator der „AG Zum Zuge kommen“, zur Problematik.

Diese ist am Treysaer Bahnhof vielschichtig. Problem eins: Der Zugang zu den Bahnsteigen. Menschen im Rollstuhl oder mit anderen körperlichen Beeinträchtigungen können überhaupt nur das Gleis eins in Richtung Süden erreichen. Die anderen Gleise sind nur über Treppen zugänglich. „Manche Menschen müssen auf dem Popo die Treppen runterrutschen, dann wieder in den Rollstuhl steigen, bis zur anderen Seite fahren und dort die Treppen hochrobben oder hochgetragen werden. Das ist unwürdig“, so Frank Keller. Um dieses Problem zu beheben, sind Rampen geplant. Das Baurecht ist erteilt, jedoch nur, wenn die Rampen auf Bahnsteigen mit einer Höhe von 55 Zentimetern enden. Ändert sich die Höhe der Bahnsteige, muss auch für die Zugangsrampen neues Baurecht geschaffen werden. Zudem werden die Rampen dadurch länger.

Problem zwei: Die Bahnsteige sind aktuell 38 Zentimeter hoch. Würden sie wie geplant auf 55 Zentimeter angehoben, wäre ein selbstständiger barrierefreier Einstieg in die Regionalbahnen möglich. Die Fernzüge, in Treysa hält auch der IC, könnten jedoch nach wie vor nicht selbstständig und barrierefrei bestiegen werden. Das könnten sie aber auch dann nicht, wenn der Bahnsteig 76 Zentimeter hoch wäre. Denn die ICs haben Trittstufen, die einen selbstständigen barrierefreien Einstieg unmöglich machen. „Zumindest hätten die Menschen mit einem Umbau auf 55 Zentimeter Höhe aber dann endlich mit den Regionalzügen selbstständig in Richtung Kassel oder Frankfurt und zurück fahren können“, so Frank Keller. „Leisten wir aber den neuen Plänen Folge, fangen wir wieder bei null an. Dann vergehen wieder Jahre und Jahrzehnte bis wir bauen können“, so Keller.

Die Bahn berufe sich bei ihren neuen Plänen, so Frank Keller, auf eine Empfehlung der Europäischen Union für Fernzüge. Die Empfehlung sehe eine einheitliche Höhe von 76 Zentimetern vor. Dabei handele es sich zum einen um eine Empfehlung. Zum anderen seien auch gute Kompromisslösungen möglich. Frank Keller verwies auf die so genannte Hybridlösung. Dabei bietet ein Bahnsteig die Möglichkeit, auf zwei verschiedenen Höhen einzusteigen. Eingebaute Rampen machen eine teilweise Erhöhung von 55 auf 76 Zentimeter möglich. Würde man diese Lösung anpeilen, könnte man die Bahnsteige im ersten Schritt auf 55 Zentimeter anheben und auch die Zugangsrampen bauen wie geplant. Im zweiten Schritt könnte die teilweise Aufstockung auf 76 Zentimeter erfolgen. Das würde Zeit und Geld sparen, so Keller. Zudem habe das Land Hessen angeboten, die Mehrkosten für den späteren teilweisen Nachbau der Hybridbahnsteige  zu übernehmen.

„Damit könnten wir leben. Denn die Stadt möchte dringend, dass der Bahnhof barrierefrei wird. Wichtig ist, es wird endlich gebaut und nicht ständig verschoben“, bekräftigte auch Erster Stadtrat Lothar Ditter. Der Stadt Schwalmstadt sei von der Bahn AG kürzlich mitgeteilt worden, dass sie für 2018 keine Haushaltsmittel für den geplanten Umbau zur Verfügung stellen müsse. „Das bedeutet, es wird 2018 nicht gebaut“, so Ditter. Der Erste Stadtrat rechnete vor, dass die Stadt bereits einen Anteil von 156.000 Euro an Planungskosten bezahlt habe. Im städtischen Haushalt seien zudem seit 2011 knapp 1,1 Millionen Euro bereit gestellt. Eine neue Planfeststellung, weil die Bahnsteighöhe komplett von 55 auf 76 Zentimeter verändert würden, bedeuteten 30 Prozent Mehraufwand für den städtischen Haushalt. Laut Ditter sei noch ein zweiter Kompromiss, neben den Hybridbahnsteigen, denkbar: Die Bahnsteige eins und zwei werden auf die Höhe von 76 Zentimetern angehoben, die Gleise drei und vier auf 55 Zentimeter.

Der NVV sucht ebenfalls einen Kompromiss. „Wir vom NVV waren ab 2015 froher Hoffnung, dass der Bahnhof umgebaut wird“, sagte Geschäftsführer Wolfgang Rausch. Schließlich sei damals Baurecht für einen Umbau auf 55 Zentimeter Bahnsteighöhe geschaffen worden. Der NVV sei nun von der Deutschen Bahn AG aufgefordert worden, einer Erhöhung auf 76 Zentimetern zuzustimmen. „Das bedeutet, dass der Umbau des Treysaer Bahnhofs auf unbestimmte Zeit verschoben würde. Das wollen wir nicht“, so Rausch. In Nordhessen gebe es gerade mal vier Bahnhöfe, die teilweise auf 76 Zentimeter hohe Bahnsteige ausgelegt seien, der weitaus größte Teil jedoch auf 55 Zentimetern. In Mitteldeutschland sehe es laut Rausch ähnlich aus, dort seien nur sieben Prozent der Bahnhöfe mit Bahnsteigen in 76 Zentimetern Höhe versehen. „Wenn wir jetzt alle Bahnsteige auf 76 Zentimeter umrüsten wollen, haben wir in Nordhessen noch 30 Jahre vor uns.“

Doch nicht nur die zeitliche Verzögerung spielt dabei eine Rolle, auch die finanzielle Mehrbelastung. Rausch argumentierte auch damit, dass der NVV die Bedienung der lokalen und regionalen Strecken bei Eisenbahnverkehrsunternehmen bestellt habe. Diese wiederum hätten dafür Fahrzeuge angeschafft, die auf 55 Zentimeter hohe Bahnsteige ausgelegt seien. „Die Fahrzeuge laufen noch viele Jahre. Die können wir doch jetzt nicht alle verschrotten, nur weil Berlin meint, 76 Zentimeter Höhe seien besser. Ist der Standard jetzt wichtiger als die Barrierefreiheit?“

Nadine Moss faste die Diskussion treffend zusammen: „Ich habe eigentlich ein Recht auf Barrierefreiheit. Das ist keine Inklusion, im Gegenteil. Stellen Sie sich mal vor, Sie wären ich und säßen im Rollstuhl.“ (me)

Die AG Zum Zuge kommen: Die AG hat sich bereits 2009 aus Vertretern der Hephata Diakonie, der Stadt Schwalmstadt, dem NVV, des Allgemeinen Deutschen Fahrrad Clubs und des Hephata Allgemeinen Studierenden Ausschusses gegründet. Mittlerweile gehören ihr auch die Altenhilfe Treysa, Vertreter mehrerer Parteien und mehrere Privatleute an. Die AG hatte zur Pressekonferenz gebeten, um auf die neuen Pläne der Bahn aufmerksam zu machen.