211116-klingenberg

Soziale Rehabilitation

Ein Stück Heimat

„Das hier ist mein neues Zuhause.“ Christian G. (40) lebt seit einem Jahr im „Haus am Leinritt“ in Klingenberg. Das Haus ist ein Wohnpflegeheim für Menschen mit chronischen Abhängigkeitserkrankungen, psychischen Problemen und ab Pflegegrad II.

Hier leben 16 Frauen und 18 Männer - die meisten für den Rest ihres Lebens. „Wir sind ein Stück Heimat. Niemand will diese Menschen haben. Niemand will hingucken. Ein Kontakt zu Angehörigen ist sehr selten. Und trotzdem sind unsere Klient*innen liebenswerte Menschen, wie Du und ich. Wer weiß schon, was im Leben passiert und was einen aus der Bahn wirft?“, fragt Einrichtungsleiterin, Sozialpädagogin und Suchttherapeutin Andrea Kauder (50).

Die weitaus meisten Bewohner*innen haben zunächst ein Leben mit Schule, Ausbildung, Beruf und Familie geführt. Der jüngste Bewohner ist 40, die älteste  Bewohnerin 90 Jahre. Im Schnitt sind die Bewohner*innen beim Einzug um die 60 Jahre alt und stecken bereits mitten in der menschlichen Katastrophe. „Die Sucht ist die Hauptdiagnose, meistens Alkohol, in Kombination mit psychischen Erkrankungen, wie Schizophrenie, Persönlichkeitsstörungen oder Depressionen und Pflegebedürftigkeit.“ Ein Bewohner hat Germanistik, Geschichte und Politologie studiert, ein anderer Maschinenbau. Eine Bewohnerin ist Fotografin, eine andere Erzieherin. „Unsere Bewohner*innen kommen aus allen Schichten und Berufen. Sie haben fast alle im Leben gestanden, oft aufgrund von Schicksalsschlägen den Halt verloren und angefangen zu trinken“, sagt Andrea Kauder.   Heimat

Das war auch bei Christian G. so. Er hat als Fertigungsmechaniker gearbeitet, besuchte die Meisterschule, hatte eine Familie, einen kleinen Sohn. Die Trennung von seiner Frau 2011 warf ihn aus der Bahn, er verfiel in Depressionen und griff zur Flasche. Sein Arbeitgeber tolerierte die Alkoholprobleme erst, später setzte er Christian G. ohne Hilfsangebote vor die Tür. Sein Vater und seine Brüder überredeten ihn mehrmals zum Entzug. Nach einem Schlaganfall 2017 ist der 40-Jährige mit einer Halbseitenlähmung auf den Rollstuhl angewiesen. Er zog in ein reguläres Pflegeheim. Ein Alkoholverbot gab es hier nicht, auf abhängigkeitskranke Bewohner*innen war die Einrichtung nicht eingestellt. Christian G. musste wieder ausziehen und fand schließlich im „Haus am Leinritt“ eine neue Bleibe.

Bilder aus dem Haus am Leinritt

Wohnpflegeheim Haus Am Leinritt

„Wir sind ein spezielles Pflegeheim“, sagt Andrea Kauder. Hier ist Alkoholabstinenz eine Bedingung. Es stehen der Umgang mit der Sucht und deren körperlichen Folgen sowie psychische Erkrankungen im Vordergrund, einschließlich der anleitenden Pflege. Ein Drittel der Bewohner*innen ist geschlossen untergebracht, die anderen zwei Drittel wohnen freiwillig in der Einrichtung. Die Plätze sind begehrt. Die Wartezeit beträgt aktuell drei Jahre. „Wir bekommen wöchentlich Anfragen aus der Region, aus Hessen und Baden-Württemberg“, sagt Andrea Kauder. „Deswegen sind wir auf der Suche nach einem Bauplatz in der Region und Pflegefachkräften. Wir planen eine Vergrößerung auf 40 Plätze, mit einem neuen Konzept und einer Belegung ausschließlich in Einzelzimmern.“

So groß wie die Nachfrage sind auch die Professionen der Mitarbeiter*innen: Pflegefach- und -hilfskräfte, Krankenpfleger*innen, Bewegungstherapeut*innen, Gerontofachkräfte und Altersbegleiter*innen arbeiten in der Einrichtung. Für die Bewohner*innen gibt es unter anderem die Möglichkeit, eine Tagesstätte und ein Bewohner*innen-Café zu besuchen. Einmal in der Woche bietet ein externer Künstler Musiktherapie an, zweimal in der Woche kommt ein  Physiotherapeut für Bewegungsangebote ins „Haus am Leinritt“. Es gibt gemeinsames Kochen und Backen, Gedächtnistraining, Gesellschaftsabende, aber auch Ausflüge, Shoppingfahrten und Besuche im Gemeinde-Gottesdienst. „Ein Höhepunkt ist der Besuch der Konfirmand*innen der Trinitatis-Gemeinde in der Vorweihnachtszeit. Im vergangenen Jahr ging es nur digital. Darauf freuen sich die Bewohner*innen immer sehr“, weiß Andrea Kauder.

Zu Weihnachten bekommen die Bewohner*innen Geschenke von den Mitarbeiter*innen, genauso zu ihren Geburtstagen, inklusive selbst gebackenen Kuchen und einer kleinen Feier. „Die meisten Angehörigen haben den Kontakt abgebrochen“, sagt Andrea Kauder. „Manche hier lebende Menschen sind oft laut und unruhig, auch mal verbal ausfallend. Es geht im Haus oft lebhaft zu. Aber wir haben auch Spaß zusammen und können viel lachen. Die weitaus meisten Bewohner*innen bleiben Jahrzehnte oder für immer hier.“

Dabei kann das „Hier“ auch außerhalb des „Haus am Leinritts“, im Betreuten Wohnen des Wohnverbunds Klingenberg, sein. Dieses Ziel hat auch Christian G. „Ich fühle mich sehr gut aufgehoben. Wenn ich wieder alleine leben würde, würde ich sicher wieder mit dem Trinken anfangen. Deswegen will ich erstmal hier bleiben. Aber vielleicht kann ich später im Betreuten Wohnen leben und auch wieder selbstständiger werden, mit dem Rollator gehen. Das wäre mein Wunsch.“

Das Haus am Leinritt

Das Haus ist ein ehemaliges Hotel mit zehn Einzel- und 14 Doppelzimmern. Es gehört zur Sozialen Rehabilitation der Hephata Diakonie mit Stammsitz in Schwalmstadt in Hessen und ist Teil des Wohnverbunds Klingenberg. Zum Wohnverbund gehören auch das „Haus Bickenbach“ - mit Tagesstätte,  Betreutem Wohnen und Büros – und eine Wohntrainingshilfe.

Die Hephata Diakonie übernahm das „Haus am Leinritt“ im September 1999 mit 18 Plätzen. Nach und nach wurden die Angebote ausgebaut. Heute kümmern sich 35 Mitarbeiter*innen um die 34 Bewohner*innen des „Hauses am Leinritt“. Weitere neun Mitarbeiter*innen begleiten 38 Klient*innen im ambulant Betreuten Wohnen und Einzelwohnen sowie Tagesstätte im Wohnverbund Klingenberg.

Wir suchen neue Kolleg*innen: 

Für das Wohnpflegeheim Haus am Leinritt suchen wir derzeit nach Pflegefachkräften: stellvertende Pflegedienstleitung (m/w/d)