Hephata - Pressemitteilung
 
 
 
 
 
 
 
 

Aufarbeitung der Heimkindererziehung

Ein Bild einer Einverständniserklärung, ohne sichtbare Namen

Bei der Suche nach Hinweisen auf in den 1950er Jahren an Heimkindern Hephatas durchgeführte Pneumoencephalographien sind mehrere Einverständniserklärungen von Erziehungsberechtigen wie diese hier entdeckt worden.

Hephata beabsichtigt, einen Medizinhistoriker mit Recherchen in alten Akten zu beauftragen.

Die Hephata Diakonie beschäftigt sich seit rund zehn Jahren intensiv mit der Aufarbeitung der Schicksale und Erlebnisse ehemaliger Heimkinder. Aktuell geht es dabei um eine Veröffentlichung aus 1955, worin der damalige Chefarzt Prof. Dr. Enke erklärt, er habe eine Reihenuntersuchung an mehreren hundert Kindern durchgeführt. Anhand vorliegender Akten lässt sich dies bislang weder bestätigen noch ausschließen. Hephata beabsichtigt, einen Medizinhistoriker mit weiteren Recherchen in alten Akten zu beauftragen.

Seit der öffentlichen Bitte um Entschuldigung des Hephata-Vorstands im Jahr 2010 stand und steht der 2016 als langjähriger Direktor in Ruhestand getretene Peter Göbel-Braun im Kontakt mit rund 100 ehemaligen Heimkindern, die in Hephata und in anderen Einrichtungen als Heimkinder körperliches und seelisches Leiden erfahren haben. Seit November 2016 ist Hephata zudem intensiv einem Hinweis nachgegangen, wonach ehemalige Ärzte ein Medikament an Heimkindern getestet haben könnten. Aktuell beschäftigt sich Hephata mit möglichen Reihenuntersuchungen zu Forschungszwecken. Dazu erklärt Hephata-Vorstandssprecher Maik Dietrich-Gibhardt: „Es wurden bislang keine Belege dafür gefunden, dass es überhaupt, im Auftrag oder mit Wissen der damaligen Unternehmensführung, Medikamententests oder medizinische Untersuchungen zu Forschungszwecken an Klienten gegeben hat.“

Hintergrund: In einer Dokumentation des Bundeskriminalamtes (BKA) aus dem Jahr 1955 sind zwei Beiträge von seinerzeit in der Hephata Diakonie tätigen Ärzten veröffentlicht worden. Die Ärzte berichten darin über Ergebnisse von Reihenuntersuchungen, die sie ihrer Darstellung nach an mehreren hundert Kindern und Jugendlichen durchgeführt haben. „Dies ist die einzige uns vorliegende Quelle zu etwaigen Reihenuntersuchungen“, erklärt Dietrich-Gibhardt. Die Beiträge von Prof. Willi Enke und Dr. H. Henck habe die Hephata Diakonie im Zusammenhang mit der Aufarbeitung der Hephata-Geschichte schon 1985 in einer Eigenveröffentlichung erstmals benannt, in dem Jubiläumsband „Hundert Jahre Jugendhilfe Hephata“ aus dem Jahr 2008 wird in einem kritischen Beitrag über Prof. Enke aus dessen Beitrag in der genannten Dokumentation des BKA zitiert (https://www.hephata.de/wir-ueber-uns/veroeffentlichungen-jugendhilfe.php).

Enke und Henck benennen in ihren Beiträgen auch die Diagnostik der Encephalographie, die aktuell im Zusammenhang mit möglichen Medizinversuchen in einer Einrichtung in Niedersachsen im Fokus der Öffentlichkeit stehen. Die Aussagen von Henck und Enke zur Anzahl der „auch serologisch wie encephalographisch“ untersuchten Personen sind allerdings widersprüchlich. Während in Hencks Beitrag von „einem großen Teil“ der insgesamt seiner Ausführung nach mehr als 400 „Fällen“ die Rede ist, heißt es in dem Enke-Beitrag dass „wir nur in einem kleinen Teil der Fälle Encephalogramme anfertigen konnten“.

„Grundsätzlich ist zur damaligen Zeit Chefärzten von ,Anstalten‘ viel Freiraum gewährt worden, was eine Forschung aus eigenem Interesse als möglich erscheinen lässt“, erklärt Dietrich-Gibhardt und betont: „Aus heutiger Sicht ist dies undenkbar, verwerflich und wäre eine solche Herangehensweise mit unserem Menschenbild in keiner Weise vereinbar.“

Die seitens der Hephata Diakonie intensiv betriebene Recherche nach weiteren Quellen, die die Aussagen der beiden Ärzte belegen, habe zu keinen neuen Erkenntnissen geführt, so Dietrich-Gibhardt. „Wir können also nicht ausschließen, aber auch nicht bestätigen, dass es in Einrichtungen der damaligen Hephata Diakonie in Treysa in den 1950er Jahren überhaupt und wenn ja, mit wessen Wissen, und in welcher Zahl Luftencephalogramme zu Forschungszwecken an Kindern und Jugendlichen ohne Einwilligung gegeben hat. Dies gilt auch für eine Aussage darüber, ob es solche Untersuchungen auch an einer Vergleichsgruppe von Schülern der benachbarten Volksschulen und mit Einverständnis der zuständigen Behörden gegeben hat.“

Dass das Verfahren der Pneumoencephalographie in den 1950er Jahren in der Hephata Diakonie zur Diagnostik eingesetzt worden ist, könne indes bestätigt werden, so Dietrich-Gibhardt. Dies ergebe sich aus noch vorliegenden Patientenakten. „Diese haben wir auf die Anwendung jenes Diagnoseverfahrens bislang nur stichprobenweise untersucht – insgesamt achtmal ist dabei das Stichwort Encephalographie entdeckt worden“, erklärt Dietrich-Gibhardt. In sieben Fällen sei dokumentiert, dass eine Einverständniserklärung der Erziehungsberechtigten eingeholt worden sei – selbige liege in sechs Fällen auch vor. „Die Einverständniserklärung, die in der Regel offenbar mit einem Standardformular für medizinische Eingriffe eingeholt worden ist, beinhaltet einen Hinweis darauf, dass es eine Aufklärung über mögliche Komplikationen gegeben habe“, so Dietrich-Gibhardt. In einem Fall sei dokumentiert, dass eine Mutter den Eingriff abgelehnt habe, weil sie sich keine Besserung des Zustandes der Tochter durch die Encephalographie versprochen habe. Der Akte nach sei in diesem Fall die Encephalographie dann auch nicht durchgeführt worden.

„Obwohl für die bislang anhand alter Patientenakten entdeckten Fälle, in denen Enke und andere Hephata-Ärzte die Pneumoencephalographie an Kindern angewendet haben, Einverständniserklärungen der Eltern ebenso wie eine medizinische Indikation für die Anwendung dieses Diagnose-Verfahrens vorliegen, beabsichtigt die Hephata Diakonie die Umstände durch einen Medizinhistoriker so genau wie möglich klären zu lassen“, betont Dietrich-Gibhardt. Die Aufarbeitung der Heimkindererziehung sei im Interesse der Betroffenen aber auch im eigenen Interesse Hephatas von hoher Bedeutung. „Damit haben wir als eine der ersten Einrichtungen in Deutschland im Jahr 2009 mit einem eigenen Bereich unserer Internetseiten öffentlich begonnen“, erklärt Dietrich-Gibhardt. Ehemalige Heimkinder können anonym oder auch mittels eines Gästebuches mit der Hephata Diakonie in Kontakt treten. Den Betroffenen werden seelsorgerische Gespräche, weitervermittelnde Hilfen oder auch, wenn möglich, Akteneinsicht ermöglicht. „So sollen eine Anerkennung ihrer Leiden und deren Aufarbeitung möglich werden“, erklärt Dietrich-Gibhardt. Dafür seien auch die öffentliche Bitte um Entschuldigung des Vorstands der Hephata Diakonie am 5. Juli 2010 ein wichtiges Zeichen sowie die Unterstützung der Arbeit des „Runden Tisches Heimerziehung“ der Bundesregierung.

Hintergrund:

Die Veröffentlichung des BKA aus 1955 mit den beiden Beiträgen von Prof. Dr. Enke und Dr. Henck: >>Publikation
Über die Methode der Pneumoenzephalographie schreibt Gergely Klinda in ihrer Dissertation aus 2010: „Die Pneumenzephalographie ist ein röntgenologisches, diagnostisches Verfahren, das bis zu seiner Ablösung durch die Computertomographie (CT) am Anfang der 1970er Jahre fest zu den neuroradiologischen Untersuchungsmethoden gehörte. Während des Verfahrens injizierte man gewöhnlich Luft in die Liquorräume des Gehirns, um – den Kontrastunterschied zwischen Luft und Hirngewebe ausnutzend – das Ventrikelsystem im Röntgenbild darstellen zu können. Mit Hilfe der so erhaltenen Röntgenbilder der dargestellten Hirnventrikel diagnostizierten Ärzte Erkrankungen aus dem neurologischen und psychiatrischen Bereich.“ (>>Quelle)

07.02.2018 / red