Sebastian Christ mit einem Rücksack beim Wandern.

Außergewöhnlicher Ansatz: Um über demografischen Wandel zu schreiben, ist Sebastian Christ quer durch Deutschland gewandert.

Hephata -

„Heimat ist Kompass meines Lebens“

Beim Hephata-Jahresempfang am 4. April steht erstmals das neue Jahresthema „Heimat und Aufbruch“ im Mittelpunkt. Die 17-jährige Muzit aus Eritrea wird dann über ihre Flucht nach Deutschland und ihre neue Heimat Kassel berichten.

Einen Vortrag über seine Wanderung quer durch Deutschland hält Sebastian Christ, der in Frankenberg aufgewachsen ist und nach beruflichen Stationen in aller Welt heute in Berlin lebt. Lesen Sie hier ein Interview mit dem Journalist und Autor.

Was bedeutet Heimat für Sie?

Heimat besteht für mich aus sehr vielen kleinen Dingen. Essens-Spezialitäten zum Beispiel oder die frische Luft, die man in Nordhessen atmen kann. Das ist für mich ein sehr schönes Erlebnis geworden, seitdem ich in Berlin lebe. Und Heimat besteht natürlich aus Menschen. Daraus ergibt sich ein großes Ganzes, das für mich auch eine Art Kompass meines Lebens ist.

Sie beschreiben in Ihren Büchern und Artikeln oft und gerne die Schönheit Nordhessens. Warum sind Sie eigentlich „aufgebrochen“, um in München, Washington, Berlin oder auch in verschiedenen Orten in Polen zu leben?

Mir ging es wie vielen anderen Leuten aus meiner Heimatstadt Frankenberg. Ich habe beruflich nach meinem Abitur in Frankenberg keine Perspektive gehabt. Ich wollte Politik-Journalist werden und über das politische Berlin kann man nicht von Frankenberg aus berichten.

Sie sind quer durch Deutschland gewandert, um aus Ihren Erlebnissen ein etwas anderes Buch über den viel zitierten demografischen Wandel zu schreiben. Abseits des Buches: Was hat diese Wanderung Ihnen ganz persönlich gebracht?

Die Wanderung hat mich vor allem reicher an Erfahrungen gemacht. Für mich ist Deutschland nicht mehr ein Land, über das ich mit dem Flugzeug hinwegfliege oder durch das ich mit dem Zug nur durchrase. Deutschland ist für mich ein vielschichtiges Land geworden, das ich erzählen kann wie eine Wandergeschichte. Wenn ich jetzt im Zug sitze, sehe ich rechts und links Felder, Wälder, Städte und Dörfer, wo ich selbst war. Und ich könnte zu fast jedem Ort eine Geschichte erzählen. Ich glaube, dass das Land mittlerweile zu mir spricht.

Gab es während Ihrer Wanderung Schlüssel-Erlebnisse, die Ihnen ganz besonders in Erinnerung geblieben sind?

Ja, vor allem die Wetter-Extremsituationen. Während meiner Wanderung – ich wollte eigentlich dem Frühling entgegen wandern – habe ich fünf Wochen lang fast durchgehend Frostwetter gehabt und einige sehr heftige Schnee- und Eis-Stürme. Besonders diese Erfahrungen haben mich mir selbst näher gebracht. Ich war fast schon in meiner Heimat Waldeck-Frankenberg angekommen, als ich mich in einer stockfinsteren Nacht bei einem Schneesturm in einem Wald verlaufen habe. So etwas zu erleben, den Alltag auszuschalten, in eine andere Welt einzutauchen und Situationen zu erleben, die einen auf die Probe stellen – das war schon etwas ganz Besonderes.

Sie bezeichnen Ihr Buch auch als ein „Plädoyer für die Provinz“. Warum denken Sie, brauchen wir die Provinz?

Weil Deutschland ein Land ist, das aus der Provinz heraus lebt. Deutschland ist eben nicht zentralistisch organisiert, wie beispielsweise Frankreich.
In Deutschland gibt es an vielen verschiedenen Punkten kleine und große Zentren. Diese Zentren sind letztlich Innovationskerne. Die gute Infrastruktur auf dem Land, die guten Universitäten auch außerhalb von Berlin und die guten Unternehmen, die wir, gerade wenn wir über Mittelständler reden, hauptsächlich auf dem Land haben: Das alles trägt dazu bei, dass Deutschland so entwicklungsfähig ist, wie es ist.

Und warum wandern dann vor allem junge Menschen in die Ballungszentren ab?

Dafür gibt es viele Gründe. Aber in einigen Bereichen ist dieser Trend ja bereits gestoppt. Beispielsweise in Ostdeutschland, wo es mittlerweile einen fast ausgeglichenen Wanderungs-Saldo gibt. Da haben die Menschen schon erkannt, dass es auch dort Chancen gibt, wo man früher keine Chancen gesehen hat. Das sind zum Teil regionale und lokale Gründe. Die Kommunen selbst müssen mit anpacken. Und letztlich hat es auch damit zu tun, dass viele Leute die Spezialität, das Besondere, das in der deutschen Provinz drin steckt, über die Jahre vielleicht weniger schätzen gelernt hatten und nun neu für sich entdecken.

Menschen mit unterschiedlichen Hilfebedarfen ein möglichst selbstbestimmtes Leben zu ermöglichen – das ist eine der Kernaufgaben der Hephata Diakonie. Welche Rolle spielt dabei aus Ihrer Sicht dabei freie Wahl des Wohnortes und des Wohnumfelds?

Auf jeden Fall ist es ein Stück Freiheit, das man aus der Provinz heraus schöpfen kann. In Frankreich muss jeder, der beruflich etwas werden will, nach Paris. Muss dort Uni-Ausbildung machen und für einen Betrieb arbeiten, weil nur dort bedeutende Leute hinziehen. Das ist in Deutschland anders. Die Freiheit, nicht nach Berlin zu müssen, hat viel mit einem selbstbestimmten Leben zu tun.

Beim Jahresempfang wird eine Jugendliche über Ihre Flucht aus Eritrea berichten und darüber, wie Sie in Kassel angekommen ist, wo sie seit gut zwei Jahren in einer Wohngruppe der Hephata-Jugendhilfe lebt. Was kann aus Ihrer Sicht Gesellschaft dafür tun, damit Menschen, die ihre eigentliche Heimat verlassen mussten und nach Deutschland aufgebrochen sind, hier eine neue Heimat finden?

Vor allem müssen wir Menschen, die aus einer existenzbedrohenden Notlage heraus zu uns kommen, erst einmal mit offenen Armen empfangen. Die Debatte über Asyl-Missbrauch, die Anfang des Jahres geführt wurde, fand ich in diesem Zusammenhang wenig ertragreich, um es mal vorsichtig auszudrücken. Flüchtlinge sollten nicht nur eine Chance in Deutschland bekommen, wir sollten sie als Chance für Deutschland begreifen. Weil sie etwas können und weil sie etwas mitbringen. Ich freue mich über jeden, der in Deutschland - auch mithilfe Hephatas - die Chance bekommt, ein sicheres, neues Leben anzufangen. Jeder Flüchtling ist eine Chance für die Gesellschaft als Ganzes und auch für die Menschen, die ihm begegnen.                                                              
(Gespräch: J. Fuhr)

28.02.2014