Hephata - Pressemitteilung
 
 
 
 
 
 
 
 

„Echte Arbeit ist wichtig für das Selbstbewusstsein“

Kartoffelernte

„Mehrwerte sozialer Landwirtschaft“ ist aktuell das Thema einer Fachtagung der Uni Kassel. Hephata-Direktorin Judith Hoffmann nimmt daran teil.

Sie findet, dass Landwirtschaft attraktiv ist: „Es handelt sich um echte Arbeit - für das Selbstbewusstsein von Menschen mit Behinderung ist das wichtig.“

Unter dem Stichwort „Soziale Landwirtschaft“ ist in den vergangenen Jahren eine Vielzahl an Initiativen gestartet worden, um das klassische Spektrum der Landwirtschaft um die Themen Bildung, Beschäftigung und Therapie zu erweitern.

Auf den entsprechenden Höfen werden therapiebedürftige und sozial benachteiligte Menschen, beispielsweise mit psychischen, geistigen oder körperlichen Behinderungen oder in der Drogenrehabilitation in Arbeitsprozesse der Landwirtschaft eingebunden. Die klassischen Wirtschaftsbereiche Pflanzen- und Tierproduktion werden so um pädagogisch bzw. therapeutisch wirksame Arbeitsfelder erweitert.

Die Hephata Diakonie engagiert sich seit langem für die soziale Landwirtschaft. Was genau das bedeutet, stellt Hephata-Direktorin Judith Hoffmann im Rahmen der Tagung „Mehrwerte Sozialer Landwirtschaft“ vor, die von 6. Bis 8. November am Fachbereich Ökologische Agrarwissenschaften der Uni Kassel in Witzenhausen stattfindet. Judith Hoffmann nimmt am 8. November an der Podiumsdiskussion „Perspektiven Sozialer Landwirtschaft in den Bundesländern und Europa“ teil. Im Vorfeld der Diskussion hat die Hephata-Direktorin für das Programmheft zur Tagung einige Fragen beantwortet:

 

Welchen persönlichen und beruflichen Bezug haben Sie zum Thema Soziale Landwirtschaft?

Ganz praktisch bin ich Mitte der 90er Jahre mit dem Thema erstmals in Berührung gekommen. Als junge Mitarbeiterin im Sozialdienst einer Werkstatt im südlichen Münsterland äußerte ein Beschäftigter den dringenden Wunsch, einen "Außenarbeitsplatz" auf einem Bauernhof antreten zu wollen. Ein erster Schritt in Richtung Soziale Landwirtschaft.
In meinem aktuellen beruflichen Kontext als Hephata-Direktorin bin ich verantwortlich für die fünf Hofgüter der Hephata Diakonie, in denen verschiedene Facetten Sozialer Landwirtschaft abgebildet werden. Mehr als 210 Menschen mit und ohne Behinderung haben hier zwischenzeitlich einen Arbeitsplatz gefunden, der ihren jeweiligen Fähigkeiten und Wünschen entspricht und eben nicht nur Arbeit, sondern auch Sinn gibt.

Wie würden Sie aus Ihrer Wahrnehmung die Entwicklung der sozialen Landwirtschaft beschreiben?

In den Werkstätten geht es zunehmend nicht mehr um Beschäftigungstherapie, Tagesstruktur oder die Selbstversorgung großer Einrichtungen, sondern um wichtige Fähigkeiten und Arbeitsprozesse, um Berufsvorbereitung, Ausbildung und Qualifizierung, also um Erwachsenenbildung auf hohem Niveau.

Die Wiederentdeckung der Arbeitsmöglichkeiten der grünen Bereiche erfolgte in den 90er Jahren des vergangenen Jahrhunderts. Auch dabei spielten wieder mehrere Faktoren eine Rolle, so bot beispielsweise die damals gerade prominente Etablierung des Ökolandbaus die Möglichkeit, Arbeitsplätze mit breiter gesellschaftlicher Akzeptanz zu schaffen und auch der therapeutische Wert grüner Arbeit wurde hoch bewertet.
Landwirtschaft ist heute wieder attraktiv. Studien aus Niedersachsen haben erst kürzlich eine signifikant größere Zufriedenheit der in den grünen Bereichen tätigen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter konstatieren können. Die Arbeit folgt einerseits bestimmten Rhythmen und kann andererseits vergleichsweise selbständig gestaltet werden. Sie wird als vielfältig wahrgenommen, findet in der Natur statt, trotzdem wird modernste Technik eingesetzt. Mit einer landwirtschaftlichen Ausbildung ist man vergleichsweise gut am Arbeitsmarkt aufgestellt. Es handelt sich um echte Arbeit - für das Selbstbewusstsein von Menschen mit Behinderung ist das wichtig.

Welche Förderbedarfe und Fördermöglichkeiten sehen Sie?

Neben intensiver Beratungsbedarfe und einer hohen Notwendigkeit, Menschen mit und ohne Behinderung zu qualifizieren, sollte die Vernetzung interessierter landwirtschaftlicher Betriebe und beispielsweise der Werkstätten für Menschen mit Behinderung noch weiter befördert werden. In allen drei Fällen (also Beratung, Qualifizierung, Vernetzung) wäre mir an der langfristigen Sicherung mittels auskömmlicher Finanzierung sehr gelegen. Beratung ist ja nicht einmalig, sondern als Begleitprozess zu betrachten, insofern muss gegebenenfalls auch in Infrastruktur investiert werden. Bezüglich der Qualifizierung denke ich an unterschiedliche Ebenen, zum einen sind hier die Mitarbeiter der Sozialen Berufe zu nennen, die beispielsweise mit den Methoden des Case Managements vertraut umgehen müssen, zum anderen - und das halte ich für noch viel wichtiger -  ist in die Ausbildung von Menschen mit Behinderung zu investieren. Und dabei meine ich nicht nur sogenannte Werkerausbildungen, sondern denke auch an einschlägige Fach- und Hochschulabschlüsse. Und natürlich müssen auch Landwirte und Landwirtinnen das erforderliche Know-how im Umgang mit Menschen erwerben.

Wo steht die Soziale Landwirtschaft in zehn Jahren?

Ich gehe davon aus, dass aufgrund der demografischen Entwicklung Menschen mit Behinderung zunehmend als interessante und interessierte Arbeitnehmer und Arbeitnehmerinnen wahrgenommen werden. Das eröffnet Chancen und Möglichkeiten für alle Beteiligten in ganz unterschiedlichen Arbeitsfeldern.

08.11.2018 / red