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Umbau des Bahnhofs startet in diesem Jahr

Nadine Moos, Klientin der Hephata-Behindertenhilfe, sorgte mit ihrem Statement für einen Gänsehautmoment .

Nadine Moos, Klientin der Hephata-Behindertenhilfe, sorgte mit ihrem Statement für einen Gänsehautmoment in einem eigentlich juristisch-bürokratisch angelegten Termin am Treysaer Bahnhof.

„Guten Tag Herr Al-Wazir, schön, Sie kennenlernen zu dürfen. Meine Freude über den Umbau ist riesengroß. Der Umbau bedeutet so viel für uns Rollstuhlfahrer und auch andere Personen. Wenn der Umbau fertig ist, werde ich meine Familie besuchen. Bisher mussten sie mich abholen. Ich kann dann viel selbstständiger sein.“

Nadine Moos, Klientin der Hephata-Behindertenhilfe, sorgte mit ihrem Statement für einen Gänsehautmoment in einem eigentlich juristisch-bürokratisch angelegten Termin am Treysaer Bahnhof: Gestern Nachmittag unterzeichneten Tarek Al-Wazir, hessischer Minister für Wirtschaft, Energie, Verkehr und Landesentwicklung; Dr. Klaus Vornhusen, Konzernbevollmächtigter der DB AG für das Land Hessen; Wolfgang Rausch, Geschäftsführer Nordhessischer Verkehrsverbund (NVV) und Susanne Kosinsky, Leiterin Regionalbereich Mitte der DB Station&Service AG, den Realisierungs- und Finanzierungsvertrag für die Modernisierung und den barrierefreien Ausbau des Treysaer Bahnhofs. Damit sind gleich zwei Probleme vom Tisch: Noch in diesem Jahr soll der barrierefrei Um- und Ausbau des Treysaer Bahnhofs beginnen und dieser auch Haltestelle des neuen IC ab Dezember 2018 sein.

Ein emotionaler Moment, nicht nur für Nadine Moos und Menschen mit Behinderungen. Viele Initiativen, Vereine, Politiker und Privatmenschen hatten sich in den vergangenen neun Jahren in der „Arbeitsgruppe Zum Zuge kommen“ für den Aus- und Umbau des Bahnhof stark gemacht. Die Mitglieder der Arbeitsgruppe hatten im Januar dieses Jahres zu einer Pressekonferenz am Bahnhof eingeladen, um nochmals auf die verfahrene Situation aufmerksam zu machen. Seit 2014 besteht Baurecht für den barrierefreien Um- und Ausbau des Bahnhofs. Passiert ist seitdem jedoch nichts. Im Gegenteil hatte der DB-Konzern Anfang des Jahres mitgeteilt, nun auf eine Bahnsteighöhe von 76 Zentimetern statt bislang geplanten 55 Zentimetern ausbauen zu wollen. Denn dies sei die langfristige Standard-Bahnsteighöhe im europäischen Fernverkehr. Das Baurecht für den Treysaer Bahnhof sieht aber die ursprünglich geplante Höhe von 55 Zentimetern vor. Und für diese Höhe hat auch bereits der NVV die nächste Fahrzeuggeneration für den Nahverkehr bestellt. Eine neue Höhe hätte eines neuen Baurechts und neuer Fahrzeuge bedurft, das wiederum hätte nochmals viel Zeit und Geld bedeutet. Hinzu kam ein weiteres Problem: Die geplante Fahrplanumstellung der DB im Dezember: Ab Dezember sollen zwischen Karlsruhe und Hamburg die neuen IC-Züge, die dann ICEs sein werden, fahren. Und diese könnten nicht mehr in Treysa halten, da sie eine Bahnsteighöhe von 55 Zentimetern benötigen.

„Der Wille aller Beteiligten war und ist der barrierefreie Bahnhof und der IC-Halt. Immer wieder sind Probleme aufgetreten, immer wieder wurde gemeinsam nach Lösungen gesucht. Jetzt haben wir es geschafft“, der Sprecher der „AG Zum Zuge kommen“, Frank Keller, Mitarbeiter der Hephata-Behindertenhilfe, brachte es gestern auf den Punkt.

Der Um- und Ausbau ist ein Gemeinschaftsprojekt oder wie Minister Tarek Al-Wazir sagte: „Das ist ein Gesamtkunstwerk. Und heute der vorläufige Schlusspunkt unter eine fast unendliche Geschichte. Kaum ein Bahnhof in Hessen hat mich so beschäftigt wie dieser.“ Das Land Hessen, der NVV und die Deutsche Bahn stimmten grundsätzlich zwar darin überein, dass die Bahnsteige entlang der Main-Weser-Bahn eine Bahnsteighöhe von 76 cm haben sollen. Dies werde auch bei der Bestellung der nächsten Fahrzeuggeneration bedacht werden. Jedoch kurzfristig seien für Treysa nun erstmal andere Baumaßnahmen geplant, so Al-Wazir.

Die geplanten Baumaßnahmen gliederten sich in zwei Bauabschnitte: Im ersten Abschnitt sollen ab Oktober dieses Jahres das Gleis 1 und das Gleis 2 auf mindesten 190 Metern Länge mit Modulplatten auf 55 Zentimeter erhöht werden. „Damit erstmal schnell die ICs hier weiter halten können. Das ist aber noch keine Barrierefreiheit“, so Al-Wazir. Deswegen würden ab Ende 2019 die Erhöhung aller Bahnsteige in konventioneller Bauweise auf 55 Zentimeter sowie die Modernisierung der Unterführung und die barrierefreie Erschließung des Bahnhofs mit Rampen beginnen. Dafür seien Kosten von 13,6 Millionen Euro veranschlagt, von denen das Land Hessen 7,8 Millionen übernehme. Im zweiten Bauabschnitt stehe die Bahngleiserhöhung auf 76 Zentimeter an. Diese solle spätestens zum Fahrplanwechsel 2040/41 abgeschlossen sein. Dafür fielen nochmal 5,4 Millionen Euro an, von denen das Land Hessen 4,1 Millionen zahle. „Das ist am Ende eine sehr teure Lösung, aber auch eine sehr gute. Wo, wenn nicht hier, ist Barrierefreiheit nötig?“, sagte Al-Wazir.

Dr. Klaus Vornhusen, Konzernbevollmächtigter der DB AG für das Land Hessen, bezeichnete die „kurzfristige Erhöhung der Bahnsteige auf 55 Zentimeter und die langfristige auf 76 Zentimeter als salomonische Entscheidung“. Vornhusen erläuterte die begleitenden Baumaßnahmen näher: „Die Station ist in die Jahre gekommen. Der Bahnhof erhält neue Dächer, neue Rampen und neue Ausstattung.“ Er mahnte aber auch zur Eile: „Wir müssen uns schicken. Bis Ende des Jahres werden wir die 55 Zentimetern Höhe einbauen können, dass Sie in die dann ICEs einsteigen können“. Im Vergleich zu den bisherigen ICs seien die ICEs ab Dezember 2018 mit höherem Komfort und Geschwindigkeiten für Reisende verbunden. Prinzipiell sei damit auf der Main-Weser-Bahn mit den Stationen Marburg, Gießen, Wabern und Treysa bereits viel erreicht worden. Vornhusen bezifferte den Anteil der Bahn am ersten Bauabschnitt mit 4,5 Millionen Euro. Der NVV übernehme 1,3 Millionen Euro. Mit Blick auf die Bewohner Borkens, die auf der Veranstaltung Protestplakate in die Luft hielten, sagte er: „Es zeichnet sich auch für Borken ab, dass wir eine weise Lösung finden.“

Wolfgang Rausch, Geschäftsführer Nordhessischer Verkehrsverbund (NVV), betonte: „Heute ist ein guter Tag für den nordhessischen Schienenverkehr. Ich möchte auch einen Dank an die Initiativen, die sich dafür eingesetzt haben und an die Hephata Diakonie aussprechen.“ Der Landrat des Schwalm-Eder-Kreises, Winfried Becker, verwies auf die existentielle Notwendigkeit der Mobilität im ländlichen Raum und des ICE-Halts für Schwalmstadt-Treysa als Studienstandort der Evangelischen Hochschule Darmstadt (EHD). „Das ist ein Beispiel, dass ganz viele, eine ganze Region mit dem Land Hessen zusammengestanden haben, um das gemeinsame Ziel zu erreichen.   

Das letzte Wort hatte dann Nadine Moos: „Herr Al-Wazir, wenn der Umbau fertig ist, kann ich Sie in Wiesbaden besuchen, das soll eine schöne Stadt sein.“ Der Minister entgegnete: „Ich begrüße Sie dann gerne!“ (red)


Die AG Zum Zuge kommen: Die AG hat sich bereits 2009 aus Vertretern der Hephata Diakonie, der Stadt Schwalmstadt, dem NVV, des Allgemeinen Deutschen Fahrrad Clubs, und des Hephata Allgemeinen Studierenden Ausschusses gegründet. Mittlerweile gehören ihr auch die Altenhilfe Treysa, Vertreter mehrerer Parteien und mehrere Privatleute an.

11.07.2018 / red