Hephata-Festtage 2018
 
 
 
 
 
 
 
 

Für Zusammenhalt, gegen Ausgrenzung

Rund 2.500 Besucher waren am Sonntagnachmittag auf das Hephata-Gelände in Schwalmstadt-Treysa gekommen, um die Schlagersängerin Ella Endlich zu hören.

„Sitzt Ihr gut?“, rief Ella Endlich bei ihrem Open Air-Konzert auf den Hephata-Festtagen ins Publikum. „Jaaaaa!“, schallte es zurück auf die Bühne. „Ihr sitzt nicht mehr lange, das verspreche ich Euch. Macht mit!“

Mitmachen – das hatten sich anscheinend viele Menschen der Region vorgenommen: Insgesamt kamen mehr als 10.000 Besucher zu den Festtagen am Samstag und Sonntag. Sie erwarteten unter anderem 100 Marktstände, zahlreiche Künstler und Musiker auf drei Bühnen, ein integratives Zeltlager, eine Diskussionsveranstaltung sowie zwei Großkonzerte. Höhepunkt war ganz klar der Auftritt von Schlagersängerin Ella Endlich.

Ihr Auftritt war für 17 Uhr angekündigt, bereits um 16 Uhr wurden die Sitzplätze auf dem Festplatz knapp. Die Besucher waren aber nicht nur zahlreich, sondern auch textsicher erschienen. Neben dem Klassiker „Küss mich, halt mich, lieb mich“, bekannt aus dem Film „Drei Haselnüsse für Aschenbrödel“, hatte die Sängerin auch mit Hits wie „Alles nur kein Liebeslied“, „Hier ist mein Herz“, „Schwimmen und Fliegen“ und „Wäre ich ein Buch“ ein Heimspiel in Hephata. Blumensträuße und Fanbriefe sammelten sich auf dem Bühnenrand, im Anschluss an das einstündige Konzert gab die Sängerin eine ausgiebige Autogrammstunde.

Dass das Festival für Vielfalt und Teilhabe viele Menschen ansprechen würde, hatte sich bereits bei der Auftaktveranstaltung am Samstagmorgen gezeigt: 130 Gäste waren in den Hephata-Kirchsaal gekommen, um die Auftaktveranstaltung unter dem Titel „Unerhört!“ zu erleben. Mit dem Titel griff Hephata die aktuelle Kampagne der Diakonie Deutschland auf. Der doppeldeutige Kampagnentitel soll auf Menschen und Themen aufmerksam machen, die im öffentlichen Diskurs oft unerhört bleiben oder über die das Urteil: „Das ist ja unerhört!“ gefällt wird. Die Journalistin Petra Nagel kam in drei Interviewrunden mit eben diesen Menschen über diese Themen ins Gespräch.

In der ersten Runde: „Unerhört – die Flüchtlinge!“, berichtete Mahi Akami aus dem Iran von ihren Erfahrungen als Flüchtling und Diakon Björn Keding, Geschäftsführer der Diakonischen Gemeinschaft Hephata, von der Koordinationsarbeit in einem Netzwerk ehrenamtlicher Flüchtlingsbegleitung. Akami: „Mein Leben war bedroht. In Deutschland dürfen Frauen, aber müssen nicht. Im Iran müssen Frauen und dürfen nicht.“ Akami plädierte für Vertrauen und Menschlichkeit sowie die Notwendigkeit, neben der Sprache auch Wissen über die deutsche Kultur vermittelt zu bekommen. Björn Keding erklärte, dass es in Schwalmstadt mittlerweile 240 Menschen gebe, die sich ehrenamtlich für Flüchtlinge engagierten. 

Die zweite Gesprächsrunde trug den Titel: „Unerhört – diese Suchtkranken!“, hier kamen Thomas Schmidt und Claus Rothmaier zu Wort. Thomas Schmidt ist Klient der Sozialen Rehabilitation Hephatas, Rothmaier ist Suchttherapeut. Er skizzierte die Größenordnung des Problems Alkohol: „Fast jeder, der hier im Raum sitzt, kennt jemanden, der weniger trinken sollte. Alkohol begleitet es, miteinander Kontakt zu haben, es ist ein gesellschaftliches Schmiermittel.“ Thomas Schmidts Biografie belegt dies: „Ich hatte mit elf Jahren meinen ersten Vollrausch. Das Zeug stand überall rum.“ Schmidt wohnt seit 2008 abstinent auf dem Hephata-Gut Halbersdorf: „Ich bin froh, dass ich die Hilfe habe. Ich weiß nicht, was sonst wäre.“

Die letzte Gesprächsrunde mit Daniela Seidemann-Schawer und Hephata-Mitarbeiter Armin Kasper hatte die Überschrift: „Unerhört – diese Alltagshelden“. Seidemann-Schawer und ihr Mann sind Pflegeeltern von sechs Kindern. Kasper arbeitet in der Hephata-Jugendhilfe und begleitet die Familie. Dies tun er und seine Kollegen bei insgesamt 30 Familien, in denen 50 Kinder wohnen. Seidemann-Schawer: „Ich gebe bei den Kindern das hinein, was ich kann, ohne einen Anspruch. Ich bin den Eltern super dankbar, dass sie diese Kinder auf die Welt gebracht haben und ich Zeit mit ihnen verbringen kann.“  

Dr. Thomas Schiller, Leiter des Zentrums Kommunikation bei der Diakonie Deutschland, gab im Anschluss Hintergrundinfos zu der Kampagne „Unerhört!“. Schiller sagte: „Viele Menschen haben heute das Gefühl, nicht gehört zu werden. Doch jede Lebensgeschichte hat ein Recht darauf, gehört zu werden.“ Diesen Aspekt griff auch Hephata-Direktor Pfarrer Maik Dietrich-Gibhardt auf. „Wir treten ein für gesellschaftlichen Zusammenhalt und gegen Ausgrenzung.“

Das war auch bei der  90er Open-Air-Party am Samstagabend Programm. Gleich drei Gruppen sorgten für Tanzstimmung auf dem großen Festplatz an der Hephata-Gärtnerei. Judith Hildebrandt alias T Seven, die als Frontfrau der Gruppe „Mr. President“ in den 90ern große Erfolge feierte, interpretierte mit Gitarrist Volkmar Rudolf Dittmar Hits wie „Right in the night“ und „Mr. Vain“ neu. Die Jungs von „Backstreet’s Back“, eine Backstreet-Boys-Tribute-Show aus Italien, heizten den rund 1.000 Gästen unter anderem mit „Get down“, „All I have to give“ und „I want it this way“ ein.

Die größte Begeisterung ernteten aber die beiden DJs „Lackenegger“ und „Blackriver“. Hr3-Moderator Peter Lack alias „Lackenegger“ und Lukas Schwarzbach, Klient der Hephata-Behindertenhilfe, alias „DJ Blackriver“, legten gemeinsam Musikstücke aus den 90er Jahren auf. Das inklusive Duo sorgte mit CD-Playern und Mikrofon für absolute Partystimmung.

Eindrücke von den Hephata-Festtagen 2018

09.09.2018 / red