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Allein. Aber nicht auf sich allein gestellt.

Wie Jannik im Wohnverbund Viernheim den Mut fand, in ein eigenes Leben aufzubrechen

Viernheim – Es ist nur ein Haustürschlüssel. Ein Stück Metall, kaum größer als eine Handfläche. Für Jannik bedeutet er Freiheit. Wenn er die Tür zu seiner eigenen Wohnung in der Viernheimer Innenstadt aufschließt, beginnt dahinter kein fremdbestimmter Alltag mehr, sondern seiner. Kein Elternhaus, keine Wohngruppe, kein ständiges Miteinander. Ein Ort, den er selbst gestaltet. Sein Zuhause. Sein Alltag. Sein Leben. „Man muss ja auch ein bisschen selbstständig werden“, sagt der 27-Jährige.

Dass dieser Satz für ihn so selbstverständlich klingt, täuscht. Denn der Weg dorthin war lang. Jannik lebt mit einer schizoaffektiven Störung – einer psychischen Erkrankung, die ihn über Jahre immer wieder aus dem Gleichgewicht brachte. Schlaflose Nächte, innere Unruhe, Gedanken, die sich verselbstständigten. Zeiten, in denen selbst der Alltag zur Herausforderung wurde. Medikamente helfen ihm heute, Struktur zu finden und die Symptome zu kontrollieren. Trotzdem weiß er: Die Krankheit gehört zu seinem Leben. Sie bestimmt es aber nicht. 

Da ist Zukunft. Und Hoffnung. 

Viel lieber spricht Jannik über das, was vor ihm liegt. Über seine abgeschlossene Ausbildung als Kaufmann für Büromanagement. Über unzählige Bewerbungen. Über den Wunsch, endlich arbeiten zu können. Vielleicht zunächst mit einem Minijob. Noch ist nichts entschieden. Aber dass er davon erzählt, zeigt: Da ist Zukunft. Und Hoffnung. Spätestens seit er bei Hephata angekommen ist.

Nachdem ihn eine psychische Krise vor gut zwei Jahren erneut aus der Bahn geworfen hatte, suchten seine Eltern gemeinsam mit Fachleuten nach einer Lösung. Die fanden sie bei Hephata. Zunächst zog Jannik in eine Wohngemeinschaft des Wohnverbunds. Dort lernte er Schritt für Schritt, den Alltag selbst zu organisieren. Einkaufen. Haushalt. Termine. Vor allem aber lernte er, dass Selbstständigkeit nicht bedeutet, alles allein schaffen zu müssen. 

Vor wenigen Monaten folgte der nächste große Schritt: die eigene Wohnung. Mehrmals in der Woche kommen Mitarbeitende des ambulant betreuten Wohnens vorbei. Sie unterstützen dort, wo Unterstützung nötig ist – und lassen Freiraum, wo Jannik längst seinen eigenen Weg geht. Genau diese Mischung gibt ihm Sicherheit. „Ich kann schon viel allein“, sagt er. „Aber dass jemand nach der Krankheit schaut, ist für mich wichtig.“ Es ist ein Satz, der hängen bleibt. Weil er zeigt, wie viel Stärke darin liegen kann, die eigenen Grenzen zu kennen.

Disziplin ist für ihn keine Pflicht, sondern ein Stück Stabilität. 

Wer Jannik begegnet, würde vermutlich nicht ahnen, welche Kämpfe hinter ihm liegen. Er wirkt ruhig, aufmerksam und reflektiert. Er fährt viel Fahrrad, macht Yoga, treibt fast täglich Sport und achtet konsequent auf seine Gesundheit. Disziplin ist für ihn keine Pflicht, sondern ein Stück Stabilität. 

Besonders offen spricht er über etwas, worüber viele Betroffene lieber schweigen: die Angst vor Rückfällen. Vor einiger Zeit setzte er seine Medikamente gemeinsam mit Ärzten ab. Die Hoffnung war verständlich – weniger Nebenwirkungen, mehr Freiheit. Doch die Krankheit meldete sich zurück. Heute weiß er, dass die Medikamente ihm helfen. „Ich nehme nur eine geringe Dosis, aber dadurch fühle ich mich auf der sicheren Seite“, sagt er.

Mindestens genauso wichtig wie die Medikamente ist für ihn jedoch etwas anderes: Menschen, die ihn begleiten, ohne ihn einzuengen. Menschen, die ihm zutrauen, seinen Weg selbst zu gehen, und da sind, wenn er Unterstützung braucht. Genau das hat er im Wohnverbund gefunden. „Ich habe hier bis jetzt nur sehr gute Erfahrungen gemacht. Die ebnen mir den Weg in ein selbstständige Leben“, sagt Jannik. 

Er möchte mit seiner Geschichte Mut machen

Gerade deshalb möchte er mit seiner Geschichte Mut machen – ohne sich dabei vollständig zu öffnen. Er wägt jedes Wort sorgfältig ab. Nicht aus Scham, sondern weil er weiß, wie schnell Menschen mit psychischen Erkrankungen abgestempelt werden. „Man soll schon aufpassen, was man öffentlich sagt“, gibt er anderen Betroffenen mit auf den Weg. 

Und so ist dies am Ende keine Geschichte über eine Diagnose. Es ist eine Geschichte über Vertrauen. Über Eltern, die loslassen mussten. Über Mitarbeitende, die begleiten, statt zu bevormunden. Über einen jungen Mann, der gelernt hat, Hilfe anzunehmen, ohne seine Eigenständigkeit aufzugeben. Manchmal bedeutet Selbstständigkeit eben nicht, niemanden zu brauchen. Sondern zu wissen, dass jemand da ist, wenn man ihn braucht.

Heute schließt Jannik jeden Tag seine eigene Wohnungstür auf. In seiner Hand liegt dann nicht einfach nur ein Schlüssel. Sondern ein Stück Freiheit. Und die Gewissheit, dass er seinen Weg nicht allein gehen muss.