
Psychische Erkrankungen
Chefärztin Magistar Yuliya Blatska im Interview
Drei Fragen an Chefärztin Magistar Yuliya Blatska, Fachärztin für Psychiatrie und Psychotherapie, Suchtmedizinische Grundversorgung.
Laut Robert-Koch-Institut bekamen 2023 in Deutschland 40,4 Prozent der erwachsenen Menschen die Diagnose einer psychischen Störung in der ambulanten Versorgung. Laut der Deutschen Gesellschaft für die Vereinten Nationen e.V. sind psychische Erkrankungen weltweit nach Herz-Kreislauf-Erkrankungen und Krebserkrankungen das drittgrößte Gesundheitsproblem der Menschheit. Beobachten Sie diese Entwicklung auch bei Ihren Patient*innen?
Yuliya Blatska: Ja, auch wir beobachten diese Tendenz, vor allem bei Diagnosen wie Angststörungen und Depressionen. Generell ist die Nachfrage nach psychiatrischen und psychotherapeutischen Behandlungsangeboten in den vergangenen fünf Jahren deutlich angestiegen und steigt weiter. Leider sind gerade im ländlichen Raum die Möglichkeiten einer wohnortnahen Versorgung rar gesät. Wir begegnen dieser Herausforderung, indem wir unsere Angebote im Jahr 2025 stark ausgebaut und erweitert haben.
Welche Erklärungen gibt es für diese Entwicklung?
Yuliya Blatska: Die vergangenen Jahre haben uns allen viel abverlangt. Die Corona-Pandemie hat auch dazu geführt, dass das Vereinsleben stark eingeschränkt wurde und somit vielen Menschen die körperliche Bewegung und der soziale Austausch fehlten. Überhaupt haben die Kontakteinschränkungen in der Pandemie vor allem bei jungen als auch alten Menschen Spuren hinterlassen. Dann sind aber auch Krisenthemen wie der Russland-Ukraine-Krieg, Aufrüstung, Naturkatastrophen, Inflation und Existenzängste allgegenwertig. Unser Zusammenleben und unsere Gesellschaft haben sich stark verändert und damit auch die Basis unserer Existenz. Wir müssen einen neuen Umgang damit erlernen. Ein anderer Punkt ist auch die verbesserte Diagnostik, die heute psychische Erkrankungen früher erkennt als noch vor zehn Jahren.
Wie begegnen Sie der Entwicklung?
Yuliya Blatska: Ein generelles Thema ist die Enttabuisierung psychischer Probleme. Noch immer gelten diese, gerade auch im ländlichen Raum, als ein Makel. Da müssen wir immer wieder aufklären und alle gemeinsam einen anderen Umgang mit finden. Die Politik sollte sich Gedanken machen: Es kann nicht sein, dass Betroffene deutschlandweit Monate auf einen Behandlungstermin warten müssen, weil Therapeut*innen und Fachärzt*innen, Angebote der ambulanten und stationären Versorgung, fehlen oder überlastet sind. Wir versuchen in unserem Versorgungsgebiet entgegenzusteuern, indem wir unsere Kapazitäten 2025 deutlich erweitert und mit unserer Gerontopsychiatrie ein spezielles Angebot für Menschen ab 63 Jahren etabliert haben. Damit sind wir auf dem richtigen Weg, Menschen und Familien in Lebenskrisen nicht alleine zu lassen, sondern ihnen mit einer zeitnahen und hochwertigen Diagnostik und Therapie zur Seite zu stehen.


