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Mit einer Hand zurück ins Leben

Nach Jahren der Alkoholsucht findet Stefan Hohmann im Gut Halbersdorf neuen Halt

Spangenberg – Der linke Ärmel seines Pullovers bleibt leer. Beim Füttern der Tiere, beim Kehren des Hofs, beim Rundgang an den Weidezäunen. Stefan Hohmann spricht darüber ohne Umwege. „Ich habe mich mit einer Flasche Wodka und einer Flasche Cola auf eine Bank hinter dem Feuerwehrhaus gelegt“, erzählt er. „Dann bin ich eingeschlafen – sechs oder acht Stunden.“ Mit dem Oberkörper habe er auf dem Unterarm gelegen und die Blutzufuhr abgedrückt. Als er wieder aufwachte, war der Arm nicht mehr zu retten. Das war 2020. Der Alkohol hatte da längst begonnen, sich durch sein Leben zu ziehen.

Mit etwa 15 Jahren fing Hohmann an zu trinken. Nicht anders, sagt er, als viele andere Jugendliche auch. Später, bei der Bundeswehr, sei er noch von Radler betrunken geworden. Mitte 20 wechselte er zu Bier, mit 30 kam der Schnaps. Einen einzelnen Moment, an dem alles kippte, gab es nicht. „Das war langsam und schleichend immer mehr.“ Er trank mit Arbeitskollegen, mit Freunden, in der Disco, bei der Feuerwehr. Für die anderen gehörte der Alkohol zum Abend. Bei ihm blieb es nicht dabei. „Ich bin einer von vielleicht 20, die da nicht mehr aufhören oder nicht mehr zurückgehen können“, sagt er. „Bei mir muss es immer mehr werden.“

Der Führerschein war wieder weg

Mit 32 verlor er zum ersten Mal den Führerschein. Weil er dadurch nicht mehr zuverlässig zur Schicht in einem Metallbetrieb in Hünfeld kam, verlor er schließlich auch seine Arbeit. Später fand er eine Stelle bei einem Dachdecker, machte Therapien, blieb zeitweise trocken und holte sich den Führerschein zurück. Doch es hielt nicht. Nach einem weiteren Rückfall setzte er sich erneut alkoholisiert ans Steuer und fuhr gegen ein anderes Auto. Verletzt wurde niemand. Der Führerschein war wieder weg.

So erzählt der 50-Jährige seine Geschichte: ohne große Gesten, ohne Ausflüchte. Therapie, Arbeit, Rückfall. Wieder Therapie. Wieder Arbeit. Dazwischen Monate und Jahre ohne Alkohol. Dann doch wieder von vorn. Nicht jede Behandlung habe ihn erreicht. Für ihn müsse die Chemie mit den Therapeuten stimmen, sagt er. Sonst könne er sich nicht öffnen. 
Nach dem Verlust des Arms arbeitete Hohmann zeitweise in einer sozialen Förderstätte und wohnte wieder in Eiterfeld, seinem Heimatort zwischen Bad Hersfeld und Hünfeld. Auch dort gab es längere Phasen ohne Alkohol. Als seine Mutter im vergangenen Jahr schwer erkrankte, verlor er jedoch erneut den Halt. Der Alkohol wurde mehr, die Wege, an neuen Stoff zu gelangen, immer abwegiger. Anfang des Jahres starb seine Mutter, und Hohmann kam nach einer Entgiftung Anfang März nahtlos ins Gut Halbersdorf bei Spangenberg. 

„Was ich halt mit einem Arm machen kann“

Dort arbeitet er in der Landwirtschaft. Er füttert die Rinder, kontrolliert auf seinen Rundgängen, ob Strom auf den Weidezäunen liegt, schiebt im Winter Futter an die Krippen und kehrt den Hof. „Was ich halt mit einem Arm machen kann“, sagt er. Hohmann stammt selbst von einem Bauernhof. Die Arbeit kennt er. Die Tiere, die Abläufe, die Handgriffe. Von Luigi erzählt er besonders gern. Das Kalb hatte er kurz nach seiner Geburt zufällig auf einer Wiese entdeckt. Hohmann gab ihm den Namen Luigi – nach einem Bullenkalb auf dem elterlichen Hof, dessen Namen einst die Kinder seiner älteren Schwester ausgesucht hatten.

Auch in seiner Wohngruppe fühlt er sich wohl. Abends sitzen die Bewohner gemeinsam am Tisch und essen. Einmal in der Woche, meistens samstags, machen sie noch etwas Besonderes. „Hier passt alles“, sagt Hohmann und lächelt zufrieden. Dann fügt er hinzu: „Ich bin selbst über mich erstaunt.“ Der Alkohol ist deshalb nicht aus seinem Kopf verschwunden. Hohmann denkt daran. Angst habe er vor ihm keine, sagt er. Eher Respekt.

 „Früher wäre ich jedes Mal betrunken zurückgekommen“

Trotzdem fährt er inzwischen wieder los. Mit Bus und Bahn nach Kassel, über den Hohen Meißner nach Eschwege, weiter Richtung Göttingen. Manchmal geht er einfach durch eine Stadt und fährt später wieder zurück. „Früher wäre ich jedes Mal betrunken zurückgekommen“, sagt er. „Das habe ich hier gar nicht.“ Er genieße sein Leben jetzt, sagt er. Fast ein wenig überrascht darüber, dass er diesen Satz tatsächlich ausgesprochen hat.

Für immer im Gut Halbersdorf bleiben will er nicht. „So lange wie nötig“, sagt er. Irgendwann möchte er zurück nach Eiterfeld, zu seinen Geschwistern – dorthin, wo er zu Hause ist. Noch aber steht er im Stall, zwischen Futterkrippen, Atemdampf und dem schweren Scharren der Rinder. Der linke Ärmel seines Pullovers bleibt für immer leer. Vielleicht erinnert er ihn daran, wie viel ihm der Alkohol genommen hat – und wie wenig gefehlt hätte, um alles zu verlieren. Doch Stefan Hohmann wirkt nicht wie ein Mann, dem etwas fehlt. Eher wie einer, der gerade wieder etwas findet.