
Nach dem Keller kam das Licht
Der Zwölfjährige Sascha verlässt nach fünf Jahren die Kinderwohngruppe Diez. Seine Geschichte erzählt davon, wie aus einem Ort zum Bleiben ein Ort zum Weitergehen werden kann.
Diez – Vor einem Kellerfenster gibt es nichts zu sehen. Nur eine Ziegelwand. Wenn Sascha davon erzählt, klingt es beinahe beiläufig. Kein Vorwurf. Kein Selbstmitleid. Der Zwölfjährige berichtet einfach davon, wie es war. Dass er in seiner Pflegefamilie allein im Keller schlafen musste. Dass im Schrank kaum Kleidung lag. Dass er Feste organisierte und vieles erledigen musste, während andere Kinder spielten. Dass er sich „wie ein Butler“ fühlte. Und dass ihm die Nächte Angst machten.
Die Dunkelheit war sein größter Gegner. „Da hat mein Gehirn immer Figuren aus Horrorvideospielen in mein Zimmer gesetzt“, erzählt er. Heute stehen zwei große Lampen neben seinem Bett. Seitdem, sagt er, gehe es ihm gut. Wer diesen Satz hört, denkt zuerst an Licht. Dabei erzählt Sascha von Geborgenheit.
Hier wird Verlässlichkeit gelebt
Seit fünf Jahren lebt er in der Kinderwohngruppe Diez. Er war eines der ersten Kinder, das hier einzog. Heute ist er der Älteste. Acht Jungen und Mädchen zwischen sieben und zwölf Jahren leben in dem Haus. Sie alle bringen ihre eigene Geschichte mit. Manche bleiben nur für kurze Zeit, andere mehrere Jahre. Gemeinsam ist ihnen, dass sie einen Ort brauchen, an dem Verlässlichkeit nicht versprochen, sondern gelebt wird.
Feste Tagesabläufe, gemeinsame Mahlzeiten, Regeln, die zusammen mit den Kindern entstehen, Gespräche, Freizeit, Sport – und Erwachsene, die bleiben, auch wenn ein Kind traurig oder wütend ist. „Die Kinder sollen Vertrauen in ihre eigenen Fähigkeiten entwickeln, emotional gestärkt werden und lernen, für ihre Meinung einzustehen“, sagt Teamleiterin Regine Bühler. Das seien die Dinge, die sie den Kindern mitgeben möchte.
Bei Sascha scheinen viele davon angekommen zu sein. Er redet mit leuchtenden Augen über Werkzeug, Elektrik und Baustellen. Seit er denken könne, wolle er Handwerker werden – „das habe ich schon mit zwei Jahren gesagt“, erzählt er und lacht. Er bringt sich vieles selbst bei, schaut Handwerkern über die Schulter, probiert aus. Einmal durfte er mit Monteuren in einer Hebebühne bis zu den Straßenlaternen hinauffahren. Für viele Kinder wäre das eine nette Erinnerung. Für Sascha wurde daraus eine Geschichte, die er noch Jahre später mit derselben Begeisterung erzählt.
Der Abschied fällt schwer
Bald zieht er aus. Nicht, weil er es möchte. Sondern weil er zwölf Jahre alt geworden ist. Die Kinderwohngruppe ist für Jüngere gedacht. Nun wartet eine neue Einrichtung auf ihn. Zwei Stunden entfernt. Mit einer eigenen Werkstatt, einem großen Garten und allem, was das Herz eines Jungen höherschlagen lässt, der am liebsten schraubt, baut und repariert. Er freut sich darauf. Wirklich. Und trotzdem fällt ihm der Abschied schwer.
Immer wieder schweift sein Blick zu den anderen Kindern hinüber. Zu denen, mit denen er Geburtstag gefeiert, Ausflüge erlebt und den Alltag geteilt hat. Als die Sprache auf den Abschied kommt, wird der sonst so aufgeweckte Zwölfjährige plötzlich leise. „Am meisten werde ich meine Freunde vermissen.“
Stunden, in denen Vertrauen wächst
Vor fünf Jahren kam ein Junge nach Diez, dessen Blick aus dem Kellerfenster an einer Ziegelwand endete. Heute verlässt ein Zwölfjähriger diesen Ort mit dem Schmerz, Menschen zurücklassen zu müssen, die ihm ans Herz gewachsen sind. Dazwischen liegen unzählige Tage, über die niemand sprechen wird. Gemeinsame Mahlzeiten. Hausaufgaben. Streit. Versöhnungen. Geburtstage. Ausflüge. Gespräche. All die unspektakulären Stunden, in denen Vertrauen wächst, ohne dass es jemand bemerkt. Erst wenn ein Kind Abschied nimmt, wird sichtbar, wie viel davon entstanden ist.
In ein paar Tagen wird Sascha seine Zimmertür zum letzten Mal schließen. Er nimmt seine Kleidung mit, seine Werkzeuge, seine Erinnerungen. Und die Gewissheit, dass es einen Ort gibt, an dem das Licht irgendwann heller wurde als die Angst.











