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Das Gedächtnis von Hephata

Günter Ruffert kann sich nur noch schwer verständlich machen. Doch in seinen Erinnerungen erzählt der 79-Jährige nicht nur sein eigenes Leben – sondern auch die Geschichte eines besonderen Ortes.

 

Treysa – Günter Ruffert freut sich sichtlich über den Besuch. Er möchte erzählen. Von seinem Leben. Von Hephata. Von den Menschen, die ihn seit Jahrzehnten begleiten. Doch seine Worte kommen nur langsam. Manche bleiben auf halbem Weg stecken. Ich muss oft nachfragen. Trotzdem spüre ich schnell: Nicht die Gedanken suchen ihren Weg. Sondern die Worte.

Je länger wir zusammensitzen, desto deutlicher wird, wie aufmerksam Günter seine Welt wahrnimmt. Der 79-Jährige verfolgt die Nachrichten, interessiert sich für das Weltgeschehen und erinnert sich an Namen, Daten und Ereignisse, als hätte jemand in seinem Kopf ein riesiges Archiv angelegt. Im Dina-Zöllner-Weg nennen sie ihn deshalb liebevoll das „Gedächtnis von Hephata“. Ein Spitzname, der kaum treffender sein könnte.

Mit neun kam er nach Hephata

Mit sechs Jahren veränderte ein schwerer Unfall sein Leben. Seitdem sitzt Günter Ruffert im Rollstuhl. Mit neun kam er nach Hephata. Aus Jahren wurden Jahrzehnte. Er arbeitete in der Werkstatt, lernte unzählige Menschen kennen und lebt heute im Wohnverbund Dina-Zöllner-Weg. Hephata ist für ihn längst nicht einfach ein Wohnort. Es ist sein Zuhause.

Weil ihm das Sprechen zunehmend schwerfällt, entstand während der Corona-Zeit gemeinsam mit Mitarbeitenden etwas Besonderes. Über viele Jahre schrieben sie Erinnerungen auf, hielten Erlebnisse fest, klebten Fotos und Zeitungsausschnitte ein. Mit der Zeit ist so ein dicker Erinnerungsordner entstanden. Wer ihn aufschlägt, blättert nicht durch Akten, sondern durch Günter Rufferts Leben.

Kindheit in Frankenberg

Darin erzählt er von seiner Kindheit in Frankenberg, von seiner Familie, von seinem Bruder Norbert und von seiner Mutter, die ihn durch viele Einträge begleitet. Er schreibt über Weihnachten, Karneval, Ausflüge an den Edersee, Geburtstage, Urlaube und Besuche. Über die Freude, als die Werkstatt nach Corona wieder öffnet. Über Mitarbeitende, die in den Ruhestand gehen. Über Mitbewohner, die sterben. Über neue Bewohner, die dazukommen. Fast jede Seite erzählt von Menschen. Nur selten von ihm selbst.

Während viele ihre eigene Geschichte erzählen würden, schreibt er die Geschichte der Menschen auf, die ihn umgeben. Er weiß, wann Mitarbeitende Geburtstag haben, erinnert sich daran, wer früher in welcher Wohngruppe gearbeitet hat und verfolgt aufmerksam, was im Dina-Zöllner-Weg und darüber hinaus passiert. Julia Juretzki, die seit ihrer Ausbildung bei Hephata arbeitet und Ruffert seit vielen Jahren zur Seite steht, beschreibt ihn deshalb mit wenigen Worten: „Der Papa für alle.“ Er sorge sich um andere, interessiere sich für ihr Leben und bekomme erstaunlich viel mit.

Beim Lesen der Erinnerungen fällt noch etwas auf. Rufferts Chronik endet nie bei den eigenen vier Wänden. Zwischen den Erinnerungen an Hephata finden sich Notizen über den Krieg in der Ukraine, über die Krönung von König Charles, über den Hessentag oder den Tod von Schlagerstar Tony Marshall. Für ihn gehören die große Welt und das Leben im Wohnverbund ganz selbstverständlich zusammen.

Seite um Seite

Ich blättere Seite um Seite. Mal geht es um ein Sommerfest, dann um eine Beerdigung, um eine neue Küche oder um einen Ausflug. Dazwischen immer wieder kleine Erinnerungen und Sätze, die so schlicht sind, dass sie gerade deshalb berühren. Irgendwann merke ich, dass ich nicht mehr nur Texte lese. Ich lerne einen Menschen kennen. Einen Menschen, der sich seine Neugier auf andere bewahrt hat. Der sich freut, wenn jemand Geburtstag hat. Der traurig ist, wenn jemand stirbt. Der wissen möchte, was in der Welt passiert. Und der trotz aller Schwierigkeiten nie aufgehört hat, seine Geschichte – und die vieler anderer – festzuhalten.

Als ich mich verabschiede, denke ich noch einmal an unseren Gesprächsbeginn. Günter Ruffert wollte mir seine Geschichte erzählen. Die Worte machten es ihm schwer. Seine Erinnerungen nicht. Sie warteten längst auf mich. Zwischen Fotos, Zeitungsausschnitten und hunderten Seiten voller Leben. Als ich den Ordner schließe, merke ich, dass Verstehen manchmal ganz anders funktioniert als Zuhören. Nicht jedes Wort hat seinen Weg zu mir gefunden. Seine Geschichte schon.