
Geschichtenbäcker trifft Geschichtensucher
Ich erzähle Geschichten. Im Wohnverbund Eisenwinkelweg legen Mitarbeitende Geschichten frei –
weil sie der Schlüssel zu einem Menschen sein können.
Treysa – Jede gute Geschichte beginnt mit einer Frage. Für mich als Geschichtenbäcker lautet sie meist: Was macht einen Menschen besonders? Im Wohnverbund Eisenwinkelweg lautet sie anders: „Wir wollen nicht wissen, wie die Menschen sind, sondern wie sie so geworden sind, wie sie sind“, sagt Michael Blinzler. Es ist einer dieser Sätze, die einen sofort innehalten lassen. Denn plötzlich wird klar: Während ich Geschichten erzähle, werden sie hier erst einmal freigelegt. Schicht für Schicht. In alten Akten, in Gesprächen mit Angehörigen, in Erinnerungen und Erlebnissen. Nicht aus Neugier. Sondern weil sich ein Mensch erst verstehen lässt, wenn man seine Geschichte kennt.
Bevor Unterstützung geplant wird, beginnt deshalb eine Recherche. Die Mitarbeitenden lesen Akten, sprechen mit Eltern, Geschwistern, Ärztinnen und Ärzten, ehemaligen Betreuern und natürlich mit den Klientinnen und Klienten selbst. Immer mit derselben Frage im Kopf: Wie ist dieser Mensch zu dem geworden, der er heute ist?
„Der Körper speichert die Angst“
Je länger Blinzler erzählt, desto mehr verschwinden die Begriffe, die ich mit diesem Bereich verbunden habe. Geistige Behinderung. Herausforderndes Verhalten. Psychiatrie. Was bleibt, sind Menschen. Und ihre Lebensgeschichten. Geschichten von Kindern, die schon in den ersten Lebensjahren Gewalt erlebt haben. Von Vernachlässigung, Missbrauch und Erfahrungen, die so früh beginnen, dass sie oft gar nicht bewusst erinnert werden können. „Der Körper speichert die Angst“, sagt der pädagogische Leiter. Ein Satz, der so schlicht klingt – und mir doch lange nachgeht.
Plötzlich bekommen Verhaltensweisen eine andere Bedeutung. Da ist der junge Mann, der einen Heizkörper aus der Wand reißt. Erst als das Team seine Biografie rekonstruiert, wird klar: Als kleines Kind war er an einen Heizkörper gefesselt worden. Nicht jedes Verhalten lässt sich erklären. Aber manches lässt sich besser verstehen, wenn man die Geschichte dahinter kennt. Verstehen heißt dabei nicht, alles zu entschuldigen. Es heißt, den Blick zu verändern. Weg von der Frage: Was stimmt mit diesem Menschen nicht, der vor Tagen die Brille einer Mitarbeiterin zerstört hat? Hin zu der Frage: Was ist diesem Menschen passiert?
Dass diese Haltung funktioniert, zeigt sich oft erst nach langer Zeit. Manchmal dauert es zwei Jahre, bis ein Mensch zum ersten Mal Vertrauen fasst. Zwei Jahre, in denen Mitarbeitende Krisen begleiten, Rückschläge aushalten und trotzdem bleiben. „Je mehr gute Bindungen wachsen und je mehr Vertrauen entsteht, umso ruhiger wird es“, sagt Blinzler.
Im Team aufeinander achten
Doch diese Arbeit verändert nicht nur die Menschen, die hier leben. Sie verändert auch diejenigen, die sie begleiten. Nicht das gemeinsame Einkaufen oder Kochen koste Kraft, erzählt Blinzler. Es sei die Not, die hinter vielen Verhaltensweisen stecke. Sie auszuhalten, ohne den Menschen dahinter aus dem Blick zu verlieren. Deshalb gehöre es genauso zur Arbeit, im Team über Belastungen zu sprechen und aufeinander zu achten.
Und trotzdem gibt es sie, die Momente, die Hoffnung machen. Menschen, die anfangs noch als hoffnungsloser Fall schienen, nach Jahren im Eisenwinkelweg dann aber doch in eine selbstständigere Wohnform ziehen. Andere, die zum ersten Mal das Meer sehen. Kleine Schritte, die für Außenstehende unscheinbar wirken mögen und hier riesengroß sind.
Schicht für Schicht freigelegt
Als ich den Eisenwinkelweg verlasse, denke ich noch einmal an den Satz vom Anfang. Ich schreibe Geschichten. Hier werden Geschichten freigelegt. Schicht für Schicht. Nicht, damit sie irgendwann in einer Zeitung oder einem Blog erscheinen. Sondern weil sie der Schlüssel sein können, einen Menschen zu verstehen. Vielleicht ist das der größte Unterschied zwischen einem Geschichtenbäcker und den Menschen, die hier arbeiten. Ich erzähle Geschichten, damit sie andere berühren. Im Eisenwinkelweg werden Geschichten freigelegt, damit Menschen nicht auf ihr Verhalten reduziert werden, sondern in ihrer ganzen Geschichte gesehen werden.
Intensiv begleiten, individuell unterstützen
Eisenwinkelweg: Drei Fragen an Teamleiter Michel Bickert
Schwalmstadt – Im Wohnverbund Eisenwinkelweg Intensiv leben Menschen, die einen besonders hohen Unterstützungsbedarf haben. Teamleiter Michel Bickert erklärt, was die Einrichtung auszeichnet, was „intensiv“ in der täglichen Arbeit bedeutet und warum Beziehung und Verständnis der Schlüssel für die Begleitung sind.
Was macht den Wohnverbund Eisenwinkelweg Intensiv zu einem besonderen Ort – und für welche Menschen ist er da?
Michel Bickert: Für Menschen mit Beeinträchtigungen, die aufgrund ihrer herausfordernden Verhaltensweisen in anderen Wohngruppen nicht mehr betreut werden können. Ihre Begleitung und Hilfestellungen im Alltag sind weitaus intensiver als bei anderen Klienten. Hier bekommen sie die Hilfestellungen, die sie benötigen, damit sie ein selbstbestimmtes Leben führen können. Hier werden sie nicht aufgrund ihres Verhaltens abgelehnt, sondern lernen, damit umzugehen. Die Beziehungsgestaltung spielt dabei eine wesentliche Rolle. Jeder Klient bringt seine eigene Geschichte mit, die ihn zu der Person gemacht hat, die er heute ist. Wir wollen als Mitarbeitende verstehen, warum gewisse Handlungen so sind, wie sie sind. Durch ihre Biografie lassen sich viele Verhaltensweisen gut nachvollziehen.
Was bedeutet hier das Wörtchen „intensiv“?
Michel Bickert: Eine intensive Betreuung bedeutet, dass wir individuell auf die Bedürfnisse der Klienten eingehen. Die mitgebrachten Verhaltensweisen machen es für die Klienten immer wieder schwierig, sich in der Gruppe zu bewegen. Durch einen hohen Mitarbeiterschlüssel lassen sich viel Stress und Ärger vermeiden. In Krisensituationen sind die Klienten nicht allein, sondern erhalten Unterstützung. Mithilfe eines Krisenplans kann individuell auf jeden Klienten eingegangen werden.
Was ist die größte Herausforderung in der Begleitung der Bewohnerinnen und Bewohner – und was gelingt oft besser, als Außenstehende vermuten würden?
Michel Bickert: Sich immer wieder auf neue Gegebenheiten einzustellen. Jeder Tag bringt neue Umstände mit sich. Dadurch, dass wir die Klienten sehr gut kennen, lassen sich viele Dinge von selbst klären. Präventives und vorausschauendes Handeln bringt für alle Beteiligten Sicherheit. Der Krisenplan dient dabei als Werkzeug, um Sicherheit für Mitarbeitende sowie Klientinnen und Klienten zu gewährleisten.



















