
Familie ohne Dienstplan
In der Familienintegrativen Hilfe der Hephata Diakonie leben zwei Kinder mitten im Alltag von Katharina und Christoph – mit großem Herzen, fachlicher Klarheit und der Verantwortung, Herkunft und Zuhause zusammenzudenken.
Schwalmstadt – Familie beginnt nicht immer mit einer Geburt. Manchmal beginnt sie mit einer Entscheidung. Mit zwei Menschen, die sagen: Wir haben Platz. Nicht nur in unserem Haus. Sondern auch in unserem Leben.
Katharina und Christoph Ferreau haben diese Entscheidung getroffen. Beide kommen aus der Jugendhilfe, sie ist Sozialpädagogin, er Erzieher. Heute arbeiten sie für die Familienintegrative Hilfe der Hephata Diakonie, kurz FiH. Hinter der etwas sperrigen Abkürzung verbirgt sich ein besonderes Modell: Kinder mit erhöhtem Betreuungsbedarf leben nicht in einer klassischen Wohngruppe, sondern im Alltag einer Familie. Bis zu zwei Kinder können in einer solchen FiH-Familie aufgenommen werden, begleitet durch Fachberatung, Teamsitzungen, Supervision und Vertretungskräfte.
Zwei Kinder, zwei Anfänge, zwei Lebensgeschichten
Für Katharina und Christoph ist das keine Theorie. Es ist ihr Leben. Zwei Kinder wohnen bei ihnen. Ein Mädchen kam mit gerade einmal sieben Tagen aus dem Krankenhaus zu ihnen, der Junge mit viereinhalb Jahren. Zwei Kinder, zwei Anfänge, zwei Lebensgeschichten. Und doch teilen sie heute denselben Alltag: Frühstück, Schule, Termine, Streit, Trost, Tiere, Familienrituale. Alles, was nach Alltag klingt – und für diese Kinder doch alles andere als selbstverständlich ist.
Wenn Christoph Freunden erklären soll, was sie eigentlich machen, sagt er manchmal: „Wir sind eine Kleinstwohngruppe.“ Aber dann kommt die entscheidende Frage: Sind sie mehr Wohngruppe oder mehr Familie? „Mehr Familie“, sagt Christoph. Katharina ergänzt: „Definitiv.“ Mehr braucht es eigentlich nicht, um zu verstehen, worum es hier geht. Denn Familie bedeutet in ihrem Fall nicht weniger Professionalität, sondern mehr Verlässlichkeit. In einer Wohngruppe wechseln Dienste, Zuständigkeiten, Nächte. Bei Katharina und Christoph bleibt niemand nach Dienstschluss zurück, weil es keinen Dienstschluss gibt. Wenn ein Kind krank ist, geht man nicht nach Hause. Man ist schon da. Wenn ein Kind nachts weint, ist niemand „nicht zuständig“. Wenn es schwierig wird, muss man nicht durchhalten bis zur Übergabe. Man geht gemeinsam hindurch.
Ein großes Herz allein reicht nicht aus
Romantisch reden die beiden darüber trotzdem nicht. Sie wissen, dass Kinder nicht einfach von vorn beginnen, nur weil sie in ein neues Zuhause kommen. Auch ein Säugling startet nicht bei null. Schwangerschaft, Herkunft, frühe Erfahrungen, Krisen der leiblichen Eltern – all das kann Spuren hinterlassen. Und ein Kind, das mit viereinhalb kommt, bringt schon Jahre mit. Eigene Prägungen, eigene Verletzungen, eigene Strategien, um durch die Welt zu kommen.
Genau deshalb reicht ein großes Herz allein nicht aus. Man muss lesen können, was hinter Verhalten steckt. Man muss aushalten, wenn ein Kind nach Kontakten mit leiblichen Eltern durcheinander ist. Man muss erklären, vermitteln, kämpfen. Bei dem Jungen etwa war früh klar, dass er besondere Unterstützung braucht. Katharina arbeitete sich tief in das Thema ein, die beiden suchten fachliche Abklärung, rangen um die passende Schulform. Heute geht der Junge gerne zur Schule. Für Christoph ist das keine Kleinigkeit. Es zeigt, was möglich wird, wenn jemand nicht locker lässt. Auch das ist Familie bei ihnen: nicht nur lieben, sondern hinschauen. Nicht nur trösten, sondern kämpfen. Nicht nur da sein, sondern fachlich begründen können, warum ein Kind genau diesen Weg braucht.
Manchmal heißt das: zwei Mamas, zwei Papas
Und dann sind da die Worte, die nach außen so einfach klingen und innerlich doch ganze Welten berühren: Mama und Papa. Die Kinder sagen sie. Sie dürfen das. Gleichzeitig achten Katharina und Christoph darauf, keine Blase zu bauen. Die Kinder sollen wissen, dass ihre Geschichte nicht erst bei ihnen begonnen hat. Dass es leibliche Eltern gibt. Dass Herkunft nicht gelöscht wird, nur weil ein neuer Ort Sicherheit schenkt. Manchmal heißt das: zwei Mamas, zwei Papas. Manchmal heißt es auch, einem Kind immer wieder zu erklären, dass seine Mutter es lieb hat, auch wenn sie selbst zu viele Probleme hat, um da sein zu können. Nicht schlecht über die Eltern reden, nicht die eigene Rolle größer machen, als sie ist – das ist für das Paar Teil eines gesunden Aufwachsens. Denn ein Kind, das glaubt, nicht gewollt gewesen zu sein, trägt diesen Gedanken vielleicht ein Leben lang mit sich.
So nah zu sein, macht verletzlich. Natürlich wissen die beiden, dass Kinder eines Tages wieder gehen könnten. Dass leibliche Eltern stabiler werden, dass Gerichte entscheiden, dass Hilfen enden. Die Möglichkeit gehört zu diesem Modell. Aber vorsichtiger lieben, um sich selbst zu schützen? „Nein“, sagt Katharina. „Das geht gar nicht.“
„Wir ebnen den Kindern den Weg.“
Vielleicht ist das der ehrlichste Satz dieses Gesprächs. Denn Nähe lässt sich nicht portionieren wie Dienststunden. Die Kinder leben nicht am Rand dieser Familie. Sie leben mittendrin. Sie feiern Weihnachten, sie kuscheln, sie stellen Fragen, sie bringen Unruhe, Freude, Müdigkeit, Stolz und Sorge mit. Christoph sagt es schlicht, fast vorsichtig: Sie hätten die beiden längst ganz doll lieb – nicht nebenbei, nicht auf Abstand, sondern mitten aus dem gemeinsamen Alltag heraus. Darin liegt die besondere Stärke dieser Familie. Die Ferreaus verstecken sich nicht hinter Professionalität. Sie nutzen sie. Um Nähe möglich zu machen, ohne den Blick zu verlieren. Um Herkunft zu achten, ohne Bindung zu vermeiden. Um Kinder nicht festzuhalten, aber ihnen Halt zu geben. Katharina findet dafür einen Satz, der schlicht klingt und doch alles erzählt: „Wir ebnen den Kindern den Weg.“
Das mag die schönste Beschreibung dessen sein, was in dieser Familienintegrativen Hilfe geschieht. Nicht die Vergangenheit eines Kindes auslöschen. Nicht seine Zukunft besitzen. Sondern ihm für eine entscheidende Zeit so viel Liebe, Sicherheit und Klarheit mitgeben, dass es seinen eigenen Weg eines Tages weitergehen kann.










