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Die Freiheit, einfach Jaqueline zu sein

Jahrzehntelang kämpfte Jaqueline gegen Alkohol, gegen ihre Vergangenheit – und gegen einen Druck, der erst verschwand, als sie endlich sie selbst sein durfte.

 

Breitenbach am Herzberg – Wer Jaqueline zum ersten Mal begegnet, dreht sich unwillkürlich nach ihrer Stimme um. Tief ist sie. Rau. Fast so, als gehöre sie zu einem Mann. Dann steht da diese große, kräftig gebaute Frau mit den Hosenträgern, den Arbeitsschuhen und einem Fuchsschwanz, an dem ihr Schlüsselbund baumelt. Sie schiebt Holzplatten über den Arbeitstisch, lacht mit den Kollegen und packt selbstverständlich dort an, wo Hilfe gebraucht wird.

Stört sie die Stimme? Jaqueline lächelt. „Das bin ich.“ Mehr sagt sie dazu nicht. Vielleicht, weil sie sich zum ersten Mal in ihrem Leben nichts mehr beweisen muss. Wenn sie Feierabend hat und nach Kassel oder Köln fährt, wird aus der Arbeitskleidung manchmal ein Kleid. Ein wenig Lippenstift, etwas Schminke, Ohrringe. Keine Verkleidung. Kein neues Ich. Sondern das Leben, auf das sie fast fünfzig Jahre warten musste. 

In der Schreinerei dagegen bleibt der Lippenstift meist zu Hause. Hier will sie nicht als Transfrau wahrgenommen werden. Sondern als Kollegin. Als jemand, der Möbel ausfährt, beim Zuschnitt hilft, Leimarbeiten übernimmt und überall mit anpackt. Respekt, sagt sie, möchte sie sich über ihre Arbeit verdienen. Dabei begann ihr Leben ganz anders.

Schon als Kind fühlte sie sich fremd im eigenen Körper

Geboren wurde Jaqueline als Jörg. Schon als Kind fühlte sie sich fremd im eigenen Körper. Heimlich zog sie die Kleider ihrer Schwestern an. Wurde sie dabei erwischt, folgten Schläge. Bis heute fragt sie sich manchmal, ob ihre Sehnsucht auch deshalb so früh gewachsen ist, weil ihre Schwestern mehr Wärme bekamen als sie selbst. Eine Antwort darauf hat sie nie gefunden. Was geblieben ist, ist die Erinnerung an ein Kind, das nie das Gefühl hatte, dazuzugehören.

Mit zwölf trank sie ihr erstes Bier. Aus einem Bier wurden viele. Sehr viele. Später erzählt sie fast beiläufig von anderthalb Kisten Bier am Tag, von Nächten in offenen Scheunen, weil sie kein Zuhause mehr hatte, von Beschaffungskriminalität und der ersten Entgiftung mit Anfang zwanzig. Ihr Körper war damals so ausgezehrt, dass sie wochenlang mit Zwieback wieder ans Essen gewöhnt werden musste.

Lange glaubte Jaqueline, der Alkohol sei ihr größtes Problem. Heute glaubt sie etwas anderes. Der Alkohol war nie die Ursache. Er war der Versuch, den Lärm im Inneren leiser zu drehen. Für ein paar Minuten funktionierte das. Dann war alles wieder da. Der Schmerz über die Kindheit. Das Gefühl, nirgendwo hinzugehören. Und dieser ständige Druck, ein Leben zu führen, das sich nie nach dem eigenen anfühlte.

Doch der Druck reiste mit. Der Alkohol auch

Sie versuchte wegzulaufen. Ging nach Afrika. Heiratete. Bekam eine Tochter. Hoffte, irgendwo unterwegs den eigenen Gefühlen zu entkommen. Doch der Druck reiste mit. Der Alkohol auch. Erst viele Jahre später zog Jaqueline selbst die Reißleine. Noch eine Entgiftung. Noch eine Therapie. Diesmal blieb sie. Seit 2009 hat sie keinen Tropfen Alkohol mehr getrunken. Keinen einzigen Rückfall. Und dann begann sie zum ersten Mal, nicht mehr vor sich selbst davonzulaufen. 

Mit Unterstützung der Hephata-Betreuer und Beratungsstellen wagte sie die Schritte, vor denen sie jahrzehntelang Angst gehabt hatte. Gutachten. Gespräche. Formulare. Operationen. 2014 war ihre geschlechtsangleichende Transition abgeschlossen. Was sich dadurch verändert habe? Jaqueline muss nicht überlegen. „Ich war frei. Ich habe keinen Druck mehr gehabt.“ Vielleicht ist das der wichtigste Satz dieser ganzen Geschichte. Nicht die Operation. Nicht die Namensänderung. Nicht einmal die Abstinenz. Sondern die Freiheit.

In der Schreinerei am Herzberg kennt jeder ihren Platz

Heute lebt Jaqueline allein. Sie versteht sich wieder gut mit ihrer Tochter, die sie irgendwo auf ihrem Weg verloren hatte. Sie fährt jeden Morgen rund 30 Kilometer zur Arbeit nach Hephata. In der Schreinerei am Herzberg kennt jeder ihren Platz. Sie arbeitet im Zuschnitt, fährt Möbel aus, übernimmt Leimarbeiten und hilft überall dort, wo sie gebraucht wird. „Ich bin jemand, der anpackt“, sagt sie. Und irgendwann, fast nebenbei, sagt sie noch einen Satz.: „Ich habe ein schönes Leben.“

Für viele Menschen klingt das unspektakulär. Für Jaqueline ist es das größte Glück, das sie sich vorstellen kann. Weil ein schönes Leben manchmal gar nicht mehr braucht als eine Arbeit, die Sinn gibt. Eine Tochter, die wieder da ist. Freunde, die bleiben. Ein Kleid, wenn ihr danach ist. Und die Freiheit, morgens in den Spiegel zu schauen – ohne gegen den Menschen kämpfen zu müssen, der daraus zurückblickt. Mit der Gewissheit, endlich dort angekommen zu sein, wo sie ihr ganzes Leben lang hinwollte: bei sich selbst. Bei Jaqueline.