
Vom Schutzkind zur Mutmacherin
Wie Chidara im Jugendhilfezentrum Mainz aus Angst neues Vertrauen schöpfte – und heute selbst anderen Kindern helfen möchte
Mainz – Es gibt Sätze, die sind so groß, dass sie kaum in einen einzigen Atemzug passen. „Ich habe meiner Mama vergeben.“ Als Chidara das sagt, lächelt sie still. Kein Vorwurf liegt mehr in ihrer Stimme. Kein Zorn. Nur eine Ruhe, die man bei einer 17-Jährigen kaum erwarten würde.
Dabei beginnt ihre Geschichte an einem Ort, an dem von Frieden keine Rede sein konnte. Chidara wächst in Mainz auf. Ihre Mutter stammt aus Nigeria. Sie liebt ihre Kinder – daran zweifelt Chidara bis heute nicht. Doch sie kennt nur die Erziehung, die sie selbst erlebt hat – eine Erziehung, in der Schläge als Strafe selbstverständlich waren. Ein falsches Wort. Eine Kleinigkeit. Ein Moment, in dem die Mutter die Beherrschung verliert. Immer wieder erlebt das Mädchen Gewalt. „Mein Bruder war immer mein Schutzschild“, sagt sie. Als er auszieht, ist Chidara allein.
Das fröhliche Mädchen wird plötzlich still
Der Moment, der schließlich alles verändert, ist bis heute unauslöschlich in ihrer Erinnerung. Ein Kleiderbügel – oder vielleicht ein Bügeleisen, ganz sicher weiß sie es nicht mehr – trifft sie am Auge. In der Schule wird das fröhliche Mädchen plötzlich still. Sie weint ohne erkennbaren Grund, zieht sich zurück. Einer Erzieherin im Hort, den sie nachmittags besucht, fällt auf, dass etwas nicht stimmt.
Zum ersten Mal fragt jemand genauer nach. Chidara fasst Vertrauen. Sie erzählt. Noch am selben Tag werden Jugendamt und Polizei eingeschaltet. Kurz darauf verlässt sie ihr Zuhause. Sie ist noch ein Kind.
Es folgen Monate in einer Inobhutnahme gemeinsam mit ihrem Bruder. Beide hoffen darauf, zusammenbleiben zu dürfen. Der Wunsch erfüllt sich zunächst. Doch auch danach wird der Weg nicht leichter. Eine erste Wohngruppe wird für Chidara zu einem weiteren Tiefpunkt. Sie fühlt sich nicht verstanden, nicht ernst genommen. Die Wut, die sich über Jahre angestaut hat, bricht hervor. Einmal geht sie auf eine Betreuerin los. Verletzt wird niemand. Für Chidara selbst ist dieser Moment dennoch ein Absturz. Sie kommt in die Psychiatrie.
„Ich hatte Aggressionsprobleme.“
Heute spricht sie erstaunlich offen darüber. „Ich hatte Aggressionsprobleme.“ Mehr erklärt sie gar nicht. Vielleicht muss sie das auch nicht. Denn ihre Geschichte handelt nicht davon, was damals geschah. Sondern davon, was danach möglich wurde. 2018 zieht die heute 17-Jährige ins Jugendhilfezentrum Mainz ein. Die erste Nacht in der neuen Wohngemeinschaft ist voller Angst. Alles ist fremd. Zum ersten Mal ist sie ohne ihren Bruder. Doch nach und nach geschieht etwas, das sie vorher nicht kannte. Sie kommt an. „Hier durfte ich wachsen“, sagt sie.
Es sind nicht einzelne große Ereignisse, an die sie sich erinnert. Es sind die vielen kleinen Dinge. Gespräche bis spät am Abend. Betreuerinnen und Betreuer, die zuhören statt urteilen. Menschen, die ihr Mut machen, wenn sie selbst keinen mehr hat. Ausflüge. Gemeinsame Erlebnisse. Das Gefühl, Fehler machen zu dürfen, ohne dafür Angst haben zu müssen.
Besonders wichtig wird für sie die Beziehung zu den Mitarbeitenden. Manche erzählen ihr sogar von ihrer eigenen Geschichte, von schwierigen Wegen und Neuanfängen. Das gibt ihr Hoffnung. „Hier ist einfach ein Zuhause für mich.“ Ein Satz, der unscheinbar klingt. Für Chidara bedeutet er alles. Ihre Aggressionen verschwinden mit der Zeit vollständig. Wo früher Wut war, entsteht Vertrauen. Wo Angst den Alltag bestimmt hat, wachsen Zuversicht und Selbstbewusstsein. Der christliche Glaube hat ihr dabei sehr geholfen, daran hat sie keine Zweifel.
„Ich habe sehr lange gebraucht, meiner Mama zu vergeben“
Auch die Beziehung zu ihrer Mutter verändert sich. Heute sehen sie sich regelmäßig. Sie sprechen miteinander. Lachen zusammen. Vor Kurzem sitzt Chidara am Geburtstag ihrer Mutter mit ihr am Tisch. Die Mutter entschuldigt sich unter Tränen. „Es tut mir so leid.“ Für Chidara ist dieser Moment ein Wendepunkt, „es war sehr emotional“. „Ich habe sehr lange gebraucht, meiner Mama zu vergeben“, sagt sie. „Aber ich habe ihr vergeben.“
Sie verschweigt nicht, was passiert ist. Sie entschuldigt die Gewalt auch nicht. Aber sie weigert sich, ihr ganzes Leben davon bestimmen zu lassen. Dabei spielt ihr Glaube eine wichtige Rolle. Er hilft ihr, Frieden zu finden – mit ihrer Vergangenheit und mit sich selbst. Gleichzeitig weiß sie, dass sie diesen Weg nicht allein gegangen ist. Die Gemeinschaft im Jugendhilfezentrum, ihre Freunde und die Menschen, die sie begleitet haben, haben ihr die Kraft gegeben, Schritt für Schritt wieder Vertrauen zu lernen.
Heute blickt Chidara nach vorn. Sie hat gerade ihre Mittlere Reife abgeschlossen und möchte nun ihr Abitur machen. Danach will sie Sozialpädagogin werden. Vielleicht später sogar Therapeutin. Nicht trotz ihrer Geschichte. Sondern gerade ihretwegen. Sie möchte Kindern helfen, die sich so fühlen, wie sie sich damals gefühlt hat. Kindern, die glauben, niemand sehe ihre Angst.
Bevor das Gespräch endet, hat Chidara noch eine Botschaft an genau diese Kinder: „Niemals aufgeben. Sucht euch Menschen, die für euch da sind. Seid nicht leise. Sprecht darüber. Es kann euer Leben verändern.“ Das mag das größte Wunder ihrer Geschichte sein. Nicht, dass ein Mädchen Gewalt überlebt hat. Sondern dass aus einem Kind, das selbst Schutz brauchte, eine junge Frau geworden ist, die heute anderen Schutz schenken möchte.











