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Du bist stark. Du kannst das. Du schaffst das.

Ahmad ist mit 13 Jahren aus Syrien geflohen, hat gut vier Jahre seine Mutter nicht gesehen – und jetzt in Deutschland seinen Hauptschulabschluss geschafft.

 

Vellmar – „Du bist stark. Du kannst das. Du schaffst das.“ Diesen Satz seiner Mutter hat Ahmad seit fast vier Jahren nicht mehr aus nächster Nähe gehört. Aber er trägt ihn mit sich. Über die syrische Grenze zur Türkei. Durch Wälder in Bulgarien. Bis in die Wohngruppe nach Vellmar. Und jetzt bis zu einem Zeugnis, das für ihn viel mehr ist als ein Stück Papier: Hauptschulabschluss. Ein Wort, das bei vielen Jugendlichen einfach dazugehört, klingt bei Ahmad wie ein kleines Wunder. Denn als er in Syrien die Schule verlässt, hat er gerade einmal die vierte Klasse hinter sich. Danach arbeitet er. Mehr Schule gibt es für ihn nicht.

Heute sitzt der 18-Jährige in der Wohngruppe in Vellmar, spricht Deutsch, sucht einen Ausbildungsplatz und erzählt mit einer Ruhe von seinem Weg, als müsse er selbst manchmal sortieren, was alles hinter ihm liegt. Syrien. Türkei. Bulgarien. Wälder. Autos. Polizeistationen. Deutschland. Kassel. Vellmar. Und immer wieder dieser eine Gedanke: weiter. 

„Ich war doch noch ein Kind“

Als Ahmad seine Flucht antritt, ist er 13 Jahre alt. Er lebt nahe der türkischen Grenze. An einem Morgen will er eigentlich zur Arbeit, da kommt ein Freund zu ihm. Sie sprechen darüber, in die Türkei zu gehen. Einfach weg. Nicht aus Abenteuerlust, sondern weil das Leben in Syrien für ihn keine Zukunft mehr hat. Es ist die Angst, zum Militär zu müssen, die ihn antreibt. „Ich war doch noch ein Kind“, sagt er. 

Dann geht er einfach los, ohne jemandem Bescheid zu sagen. Zu Fuß, mit seinem Freund. An der Grenze haben sie Glück. Die Soldaten mit den Gewehren entdecken sie nicht. In Istanbul angekommen, arbeitet Ahmad fast ein Jahr in einer Schneiderei. Doch auch dort bleibt vieles unsicher. Keine richtige Perspektive, keine Aufenthaltsgarantie. Über Deutschland habe er viel Gutes gehört, erzählt er. Hier könne man etwas lernen, etwas aus seinem Leben machen. Also geht er weiter.

Zwanzig Tage läuft er nach seinen Erinnerungen durch Wälder in Bulgarien. Mal am Tag, mal in der Nacht. Viel Schlaf gibt es nicht. Im Rucksack: Wasser, etwas Essen, ein Schlafsack. Später geht es weiter über Serbien, Ungarn und Polen bis nach Deutschland. Manchmal zu Fuß, manchmal in Autos, für die bezahlt werden muss. Sein Vater hilft mit Geld.

„Mir geht es hier sehr gut“

Ankommen heißt für Ahmad zunächst nicht bleiben. In Deutschland landet er zuerst in der Nähe von Berlin, fährt dann schnell weiter nach Kassel. Dort hat er einen Cousin. Über das Jugendamt kommt er nach Elbenberg und Breuna, später in die Wohngruppe nach Vellmar. Seit rund acht Monaten lebt er dort. „Mir geht es hier sehr gut“, sagt er. Die Betreuer seien gut zu ihm, erzählt Ahmad. Sie begleiten ihn zu wichtigen Terminen, helfen beim Suchen, Planen, Ankommen. Bei dem, was für junge Menschen ohne Familie in einem fremden Land schwer allein zu schaffen ist.

In Vellmar beginnt für ihn so etwas wie Alltag. Schule. Freunde. Fußball. Gespräche. Essen mit den anderen Jugendlichen. Dazu eine Freundin, mit der er seit fast einem Jahr zusammen ist. Und der Wunsch, irgendwann auf eigenen Füßen zu stehen. „Ich will hier leben“, sagt der 18-Jährige. „Arbeiten. Später eine Familie haben.“

Eigentlich wollte er Berufskraftfahrer werden. Einen Ausbildungsplatz hatte er bereits gefunden, doch daraus wurde nichts, weil eine Voraussetzung fehlte. Jetzt sucht er weiter. Als Dachdecker hat er ein Praktikum gemacht. Auch Maler und Lackierer könnte er sich vorstellen. Hauptsache Ausbildung. Hauptsache Zukunft.

„Ich vermisse meine Mama“

Nur eines lässt sich nicht lernen: die Sehnsucht auszuhalten. Gut vier Jahre hat Ahmad seine Mutter nicht gesehen. Sie telefonieren, wenn das Internet gut ist. Manchmal zweimal in der Woche, manchmal öfter. „Ich vermisse meine Mama“, sagt er, und für einen Moment wird spürbar, wie weit Syrien entfernt ist – und wie nah zugleich.

Seine Zukunft in Deutschland ist noch nicht sicher. Ahmad hat Angst, nicht bleiben zu dürfen. Zurück nach Syrien möchte er nicht. In der Region, in der seine Familie lebt, sei die Lage weiterhin schwierig, sagt er. Mehr will er über Politik nicht sprechen. Also macht er, was er schon so lange macht: Er geht weiter. Von der vierten Klasse zum Hauptschulabschluss. Vom Schlafsack im Wald in ein Zimmer in Vellmar. Von der Angst vor dem Militär zu dem Wunsch, eine Ausbildung zu beginnen.

Ahmads Geschichte ist auch deshalb so stark, weil sie nicht auf einen großen Schluss zuläuft. Noch ist nichts fertig. Noch ist vieles offen. Aber da ist ein 18-Jähriger, der nach allem, was war, nicht stehenbleibt. Und der noch immer an diesen einen Satz seiner Mutter glaubt: Du bist stark. Du kannst das. Du schaffst das.