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Wenn der Kopf schneller ist als die Welt

Jason hat ADHS, braucht Struktur und sucht im Berufsbildungsbereich der Hephata-Werkstätten seinen Weg in die Arbeitswelt.

 

Treysa – Jason braucht Bewegung. Stillsitzen, stundenlang, einfach so – das ist nichts für ihn. Ein Bürojob? Eher nicht. Wenn er erzählt, springt manchmal ein Gedanke zum nächsten, als hätte der Kopf längst Tempo aufgenommen, bevor der Satz hinterherkommt. Und doch ist da ein junger Mann, 20 Jahre alt, der erstaunlich genau beschreiben kann, was in ihm passiert.

„Ich habe ADHS“, sagt Jason. Diagnostiziert wurde es bei ihm schon als Kind, mit etwa sechs Jahren. Wirklich beschäftigt habe er sich damit aber erst in den vergangenen drei, vier Jahren. Früher sei er wohl der klassische Zappelphilipp gewesen. Nach einem Fußballspiel hätte er gefühlt noch einen Marathon laufen können. Heute sei es ruhiger geworden. Aber stundenlang sitzen – das funktioniert noch immer nicht.

Jason erklärt sein ADHS mit einem Bild aus dem Alltag: Er soll eine Aufgabe erledigen, neben ihm springt plötzlich ein Ball – und schon ist der Fokus weg. Jemand sagt ihm, was zu tun ist, dann kommt etwas dazwischen, und zwei Minuten später ist die Anweisung verschwunden. In seinem Kopf seien oft sehr viele Dinge gleichzeitig. Alles schwebt, alles drängt, alles will sortiert werden. Prioritäten setzen – genau das fällt ihm schwer.

Musik hilft ihm durch den Alltag

Darum ist Struktur für ihn eine Art inneres Geländer. Arbeit. Zimmer aufräumen. Fußball. Freunde. Musik. Wenn Musik läuft, wird vieles leichter. Jason hört Metalcore, eine Richtung, die manche wohl als Lärm bezeichnen würden, sagt er. Er hört die Screams, aber auch die melodischen Parts. Musik hilft ihm durch den Alltag – beim Küchendienst, beim Aufräumen, beim Sortieren dessen, was sonst durcheinandergerät.

Heute ist Jason im Berufsbildungsbereich, kurz BBB, der Hephata-Werkstätten in Schwalmstadt-Treysa. Nach einer abgebrochenen Maßnahme in Homberg und einer Übergangszeit in Richerode ist er hier angekommen – an einem Ort, an dem ausprobiert wird, was geht. Welche Aufgaben passen? Wo braucht er Unterstützung? Kann der Weg irgendwann auf den ersten Arbeitsmarkt führen?

Genau dort will Jason hin. Bei einem Minijob in einem Supermarkt hat er gemerkt, was ihm liegt: Regale einräumen, Einkaufswagen holen, am Pfandautomaten helfen, Kundenfragen beantworten. „Mit Menschen“, sagt er. Und immer etwas zu tun. Das passt zu ihm. Ein Traum bleibt der Zoo. Tierpfleger werden. Mit Tieren arbeiten. Vor allem mit Krokodilen und Okapis. Doch der nächste mögliche Ausbildungsort wäre Frankfurt, und Zugfahren ist für Jason nicht einfach. Strecken, Umstiege, Verspätungen, die Sorge, falsch auszusteigen – das müsste er erst üben. Aufgeben will er den Traum nicht. Zuerst aber soll es Richtung Einzelhandel gehen.

Aktuell arbeitet Jason in der Manufaktur Treysa in der Hauswirtschaft. Im BBB erlebt er Mitarbeitende, die ihn unterstützen, aber auch korrigieren, wenn etwas nicht gut läuft. Wenn er zu spät kommt etwa, weil sein Zeitgefühl verrutscht. Für Jason sind das keine Kleinigkeiten. Es sind genau die Dinge, die später auf dem ersten Arbeitsmarkt funktionieren müssen.

Sein Weg hierher war nicht gerade. Jason kam mit drei Jahren in eine Pflegefamilie. Seine leibliche Mutter, erzählt er, habe während der Schwangerschaft Alkohol getrunken. Sein Vater sei nach der Geburt verschwunden. Seine Pflegefamilie nennt er seine richtige Familie. Zu ihr hat er bis heute Kontakt. Später lebte er in Wohngruppen, vier Jahre im Kinder- und Jugendbereich der Hephata, heute in einer Wohngruppe in Treysa.

Jason wollte nicht mehr leben

Vielleicht versteht man erst vor diesem Hintergrund, warum Struktur für Jason so viel bedeutet. Warum Aufgaben helfen. Warum Musik sortiert. Warum ein Ort wichtig ist, an dem jemand merkt, wenn etwas verrutscht. Denn es gab auch eine Zeit, in der Jason nicht mehr weiterwusste. Vor etwa drei Jahren ging es ihm so schlecht, dass er nicht mehr leben wollte. Schule, Druck, Überforderung – und dieses gefährliche Schweigen, wenn alles innen bleibt. „Ich habe mit niemandem darüber geredet“, sagt er heute. Nicht einmal mit seinen engsten Vertrauten. Irgendwann wurde das, was er mit sich allein ausmachte, zu schwer. Jason kam in die Psychiatrie. 

Etwa einen Monat blieb er dort. Keine einfache Zeit, aber eine wichtige. „Es hat mir geholfen“, sagt Jason. Danach veränderte sich etwas. In der Schule lief es besser, er wurde sogar Schulsprecher. Verantwortung tat ihm gut. Aufgaben taten ihm gut. Das Gefühl, gebraucht zu werden. Heute weiß Jason, was er anderen sagen würde, denen es ähnlich geht wie ihm damals: „Redet, wenn es euch nicht gut geht.“ 

Am Ende sagt Jason, er sei momentan sehr glücklich und zufrieden. Das klingt bei ihm nicht wie ein glatter Schlusssatz, eher wie etwas, das er sich erarbeitet hat. Sein Kopf wird vermutlich immer schneller ticken als andere es gewohnt sind. Aber im Berufsbildungsbereich muss er damit nicht allein zurechtkommen. Es gibt Struktur. Es gibt Menschen, die hinsehen. Und es gibt einen Ort, an dem er nicht nur lernen darf, sondern wachsen kann. Und vielleicht ist genau das der Anfang: in Bewegung bleiben, ohne sich dabei zu verlieren.