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Ein bisschen Sean fährt immer mit

Schon zu Beginn der Roadshow haben wir Sean getroffen. Seitdem kreuzten sich unsere Wege immer wieder. Jetzt erzählt der 21-Jährige mehr – über eine Kindheit ohne festen Halt, seine Mutter und darüber, warum „ankommen“ für ihn mehr bedeutet als eine eigene Wohnung.

 

Schwalmstadt – Sean braucht nicht lange, um zu erklären, warum er heute so breit grinst. Vor ihm steht das violette Backmobil, um ihn herum Kollegen, Ausbilder, Kaffeeduft und Pizzaschnecken – und irgendwo zwischen Arbeitsplatte, Regalen und Backofen steckt auch ein kleines Stück von ihm selbst. „Da habe ich mit dran gearbeitet“, sagt der 21-Jährige. Und man merkt ziemlich schnell: Das ist für Sean kein beiläufiger Satz.

Denn bevor dieses Auto durch die Hephata-Welt gefahren ist, bevor darin gebacken, gelacht und Geschichten gesammelt wurden, war es erst einmal ein leerer Truck. Sean war damals im zweiten Lehrjahr seiner Ausbildung in der Holzwerkstatt der Hephata-Berufshilfe. Gemeinsam mit seinen Kollegen half er beim Ausbau. Jetzt steht Sean selbst darin, macht Pizzaschnecken und sieht, was aus ihrer Arbeit geworden ist. „Es macht Spaß, es macht Freude.“ Und ja: Stolz ist er auch. Wenn das Backmobil irgendwo in der Region seine Klappe öffnet, fährt schließlich ein Stück seiner eigenen Arbeit mit. Heute ist er im dritten Lehrjahr – und vielleicht der größte Backmobilfan, den diese Roadshow hervorgebracht hat.

Ach, guck mal – Sean ist auch wieder da

Kaum jemand ist dem Geschichtenbäcker in den vergangenen Monaten so oft begegnet wie Sean. Schon zu Beginn der Roadshow haben wir uns beim BJBQ getroffen und seine Geschichte erzählt. Seitdem kreuzen sich die Wege immer wieder. Mal steht Sean plötzlich wieder am Backmobil, mal kommt er auf einen Plausch vorbei – und wenn der lila Flitzer irgendwo in seiner Reichweite auftaucht und es sich einrichten lässt, ist sein größter Fan nicht weit. Das ist irgendwann fast zu einem kleinen Running Gag geworden: Ach, guck mal – Sean ist auch wieder da. Und jedes Mal grinst er.

Aus ein paar Begegnungen wurden viele, aus einem kurzen Gespräch irgendwann Vertrautheit. Man kennt sich inzwischen. Fragt, wie es läuft, bleibt ein paar Minuten länger stehen, freut sich gemeinsam über den bestandenen Gabelstaplerschein, erzählt mehr als beim letzten Mal. Und diesmal sind es Dinge, die damals noch keinen Platz hatten. Die Zeit, in der Halt für ihn alles andere als selbstverständlich war.

Zu Hause habe es familiäre Probleme und häusliche Gewalt gegeben. Er war ungefähr zehn Jahre alt, als er seine Familie verließ. Danach ging es weiter zur Pflegefamilie, wieder zum Vater, schließlich in eine Kinderwohngruppe von Hephata in Weilburg.
„Das ist so ein tiefes Gefühl, dass man gar keine wirkliche Kindheit hatte“, sagt er.

Dann spricht er über etwas, das bis heute nachwirkt: Geborgenheit. Kinder bräuchten ein festes Zuhause, Struktur, jemanden, der bleibt. „Das hatte ich alles nicht.“ Einen Teil seiner Kindheit sei er „von A nach B verfrachtet worden“. Dass solche Jahre nicht einfach verschwinden, merkt man, wenn Sean über seine Mutter spricht. Kontakt hat er heute keinen mehr. Er habe mehrfach versucht, auf sie zuzugehen. Besonders wehgetan habe ihm irgendwann ein Geburtstag: Statt eines Anrufs oder einer persönlichen Nachricht kam nur ein Sticker. Für Sean war das zu wenig. Und trotzdem rechnet er nicht laut ab.

Sean trägt einiges mit sich herum

Wenn Kollegen erzählen, was sie mit ihren Eltern gemacht haben, trifft ihn das manchmal. Dann werde er traurig, sagt Sean, und suche sich eine Aufgabe bei der Arbeit. Gleichzeitig sagt ausgerechnet er, man solle seine Eltern wertschätzen. Die Tür zu seiner Mutter hat er trotz allem nicht ganz zugeschlagen. Sollte sie irgendwann selbst auf ihn zukommen, wäre er offen für ein Gespräch. In Ruhe. Mutter und Sohn. Vielleicht erzählt genau das ziemlich viel über ihn. Sean trägt einiges mit sich herum. Aber er trägt es nicht wie eine Anklage vor sich her. Er schaut lieber nach vorn.

Hephata ist für ihn inzwischen ein Zuhause. Wenn er zurück in seine Wohngruppe fährt, sagt er: „Ich fahre jetzt nach Hause.“ Hier bekommt er Unterstützung, wenn er sie braucht – etwa bei Behördenbriefen oder Arztterminen, wenn Fachbegriffe schwierig werden. Doch Sean will nicht für immer bleiben. Er möchte eigene vier Wände. Nicht nur, weil man das mit 21 irgendwann möchte. Sondern weil dieses Wort für ihn etwas anderes bedeutet: ankommen. Ein Zuhause haben, das wirklich seins ist. Nicht wieder von einem Ort zum nächsten. Nicht wieder neu anfangen müssen. Einfach einmal wissen: Hier bin ich daheim.

Hilfe annehmen, wenn sie angeboten wird

Und selbst wenn Sean über all das spricht – über die eigene Wohnung, die Ausbildung, den Neustart – denkt er am Ende nicht nur an sich. Er denkt an andere Kinder und Jugendliche bei Hephata, die vielleicht gerade selbst irgendwo neu anfangen und noch nicht wissen, wohin ihr Weg führt. „Ihr schafft das schon“, sagt er. Man müsse an seinen Zielen festhalten, mit den Betreuern reden, Absprachen einhalten – und Hilfe annehmen, wenn sie angeboten werde. Er spricht aus Erfahrung.

Und damit führt die Geschichte wieder zurück zu dem lila Backmobil, das Sean nun schon durch einen ganzen Roadshow-Sommer begleitet hat. Zu einem Fahrzeug, bei dessen Ausbau er selbst Maß genommen, angepackt und mitgebaut hat. Stück für Stück. Brett für Brett. Bis aus Plänen etwas wurde, das funktioniert und trägt. Dieses Prinzip kennt Sean ziemlich gut. Auch bei ihm ging nicht alles auf direktem Weg. Es brauchte neue Anfänge, Unterstützung, Geduld – und immer wieder den nächsten Schritt.

Noch ein paar Stationen, dann wird die Roadshow für diesen Sommer Geschichte sein. Sean wird dem lila Flitzer trotzdem verbunden bleiben. Wenn er irgendwo auftaucht und es sich irgendwie einrichten lässt, wird sein größter Fan vermutlich auch künftig nicht weit sein. Schließlich fährt darin etwas mit, das ihm niemand mehr nehmen kann: ein Stück seiner Arbeit. Und damit auch ein Stück von ihm selbst.