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Kultur-Cocktail: Wochenendrebellen

„Wochenendrebellen“ über Selbstbestimmung und fremde Grenzen

Was bedeutet Teilhabe, wenn nicht der Mensch sich anpassen muss, sondern die Umgebung? Beim Kultur-Cocktail im Café125 der Hephata Diakonie berichteten Jason und Mirco von Juterczenka von ihren Erfahrungen mit Autismus, Familie und Selbstbestimmung.

Vier Jahre ist Jason von Juterczenka alt, als ein Arzt bereits zu wissen glaubt, wohin dieses Leben nicht führen wird. Eine Regelschule komme für den Jungen nicht infrage – obwohl er Jason nicht wirklich kannte.

Siebzehn Jahre später sitzt Jason – mittlerweile Student in der Schweiz – selbstbewusst im Café125 auf der Bühne, neben ihm sein Vater Mirco, Papsi, wie Jason ihn nennt. Was in ihrer Heimat Calden im Landkreis Kassel begann, führte Vater und Sohn durch die Fußballstadien des Landes und schließlich auf die Kinoleinwand: Mehr als eine Million Menschen sahen „Wochenendrebellen“, den Spielfilm nach ihrer Geschichte.

Am Anfang steht eine Frage, die Jason nicht loslässt: Wie fühlt es sich an, Fan zu sein? Um eine Antwort zu finden, reisen die beiden von Stadion zu Stadion, prüfen Vereine, Rasen, Maskottchen und Mannschaftsrituale. Der Lieblingsverein fehlt bis heute. Doch die Suche hat längst etwas anderes gefunden: Worte für all jene Grenzen, die andere ziehen, noch bevor sie einen Menschen wirklich kennengelernt haben.

Im Titel „Wochenendrebellen“ steckt dieser Widerstand. Rebellen seien Papsi und er nicht, weil sie gegen den Autismus kämpften. „Das funktioniert nicht, das ist ja ein Teil meiner Persönlichkeit.“ Ihre Rebellion gilt den Vorstellungen von außen, den Menschen, die bestimmen wollen, was er kann, was er können muss – und was ihm angeblich für immer verschlossen bleibt.

Im Café125 sitzen die Besucher dicht beieinander und folgen Jasons langen, präzisen Sätzen. Er spricht ohne Hast, aber auch ohne den geringsten Zweifel daran, wem die Deutung über sein Leben zusteht. Wenn er sage, dass er Hilfe brauche, dann brauche er Hilfe. Wenn er sage, dass er etwas allein könne, erwarte er, dass man es ihm zutraue. Nicht mehr. Aber eben auch nicht weniger.

Niemand kennt Jasons Grenzen besser als Jason

Papsi hört zu, ergänzt, widerspricht, lässt sich korrigieren. Zwischen beiden liegt keine glattpolierte Filmbeziehung, sondern etwas viel Kostbareres: Vertrauen, das Reibung nicht nur aushält, sondern braucht. Mirco erzählt von Momenten, in denen er glaubte, etwas besser zu wissen als sein Sohn. Jason erzählt, wie spät der Vater bisweilen merkte, dass es nicht so war. Keiner schont den anderen. Keiner macht ihn klein. Gerade darin liegt die Zärtlichkeit dieser Beziehung.

Auch zu Hause wird nicht über Jason hinweg entschieden. Die Familie hat eine Vereinbarung, über deren Regeln alle abstimmen. Die erste lautet: Was nur einen selbst betrifft, darf auch nur von diesem Menschen entschieden werden. Jasons Schwester setzte später ihre eigene durch. „Lass mich in Ruhe.“ Spricht sie diese Worte, muss ihr Bruder zwei Schritte zurückgehen. Es ist ein kleiner Abstand. Und doch liegt darin mehr über Selbstbestimmung als in mancher großen Rede: Ein Mensch nennt seine Grenze, der andere achtet sie.

Dass die Reisen durch die Stadien niemals als Geschichte einer gelungenen Selbstüberwindung missverstanden werden dürfen, ist Jason wichtig. Die Lautstärke bleibt laut, Berührungen bleiben schwierig. Gegen den Lärm helfen Ohrschützer; im Gedränge bildet Papsi mit seinen Armen eine schützende Blase, in die niemand eindringen kann. Nicht Jason wird passend gemacht. Vater und Sohn finden Wege, auf denen Teilhabe möglich wird, ohne dass Jason sich dafür selbst verleugnen muss.

Als Johannes Fuhr, Leiter der Hephata-Öffentlichkeitsarbeit, am Ende sagt, Menschen seien nicht behindert, sondern würden behindert, ist darin auch die Geschichte von Jason und Papsi aufgehoben: die eines Sohnes, der selbst bestimmen will, wo seine Grenzen liegen, und die eines Vaters, der gelernt hat, Nähe nicht mit Festhalten zu verwechseln. Der Lieblingsverein ist bis heute nicht gefunden. Die Suche geht weiter – mit Papsi an Jasons Seite, nah genug, um da zu sein, wenn er gebraucht wird, und klug genug, zurückzutreten, wenn sein Sohn den Weg allein gehen will.