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39,93 Quadratmeter eigenes Leben

Erik ist 24 und wohnt zum ersten Mal allein. Im neuen Hephata-Angebot in Neustadt lernt er, seinen Alltag selbst in die Hand zu nehmen 


Neustadt – Die Klingel gehört jetzt ihm. Sein Name, sein Knopf, seine Tür. Eric steht davor, drückt einmal darauf und grinst. Es ist nur eine Klingel. Und gleichzeitig ziemlich viel für einen 24-Jährigen, der seit knapp zwei Wochen zum ersten Mal in seinem Leben sagen kann: Das hier ist meine Wohnung. Knapp 40 Quadratmeter. Ein großer Raum mit Schlaf- und Wohnbereich, eine eigene Küche, ein Bad mit Dusche. Nicht riesig. Für Eric aber gerade groß genug für einen ziemlich großen Schritt.

„Es fühlt sich gut an“, sagt er und lächelt schon, bevor der Satz ganz ausgesprochen ist. Stolz? „Ja.“ Er habe das Gefühl, „etwas Wichtiges eingeleitet“ zu haben. Weg von der Abhängigkeit von seiner Mutter, hin zu einem Leben, das irgendwann ganz seines sein soll. Denn die eigene Tür ist nur der Anfang. „Ich habe keinerlei Alltagsstruktur“, sagt Eric irgendwann im Gespräch. Ein harter Satz, weil er so nüchtern daherkommt. Und vielleicht einer der wichtigsten, um zu verstehen, warum es dieses neue Wohnangebot von Hephata in Neustadt überhaupt gibt.

„Ich muss es ja hinkriegen“ 

Bei Eric fängt es morgens an. Das Aufstehen braucht manchmal Anlauf. Frühstück fällt meistens aus. Wäschewaschen und Kochen funktionieren, sagt er. Saugen, Putzen, Geschirrspülen – „das fällt mir momentan noch ein bisschen schwer“. Dann zuckt er fast mit den Schultern: „Aber ich muss es ja hinkriegen.“ Genau darum geht es hier. Nicht darum, ihm diese Dinge abzunehmen. Sondern darum, dass jemand da ist, während er lernt, sie selbst zu tun.

Jahrelang lebte Eric bei seiner Familie. Schon vor drei oder vier Jahren habe er immer wieder gesagt, dass er gern ausziehen würde. Ganz allein hätte er sich das allerdings nicht zugetraut. „Ich konnte es nicht“, sagt er offen. Mit Geld umzugehen, fällt ihm schwer. Ist welches auf dem Konto, ist es manchmal schneller weg, als ihm lieb ist. Eric zockt gern, Landwirtschaftssimulatoren, Online-Lkw-Fahren. Gutscheine für die Spieleplattform Steam sind eine seiner Schwachstellen. „Ich gebe es zu schnell aus.“
Andere Schwierigkeiten sind weniger sichtbar.

Wenn auf der Arbeit mehrere Aufgaben gleichzeitig auf ihn einprasseln, gerät er unter Stress. Kühlschrank einräumen. Regale vorziehen. Spinnweben entfernen. Was für andere nach einer simplen Liste klingt, kann ihn überfordern. „Ich weiß dann halt nicht, was ich als Erstes machen soll.“ Er beginnt zu schwitzen, wird zittrig. Eine Aufgabe nach der anderen – damit komme er zurecht. An seinem aktuellen Praktikumsplatz in einem Baumarkt wissen sie das. Dort werden die Aufgaben entsprechend nacheinander gestellt. Und plötzlich funktioniert etwas, das vorher schwierig war.

„Abwarten und Tee trinken“

Auch beruflich soll der nächste Schritt kommen. Eric hat Haupt- und Realschulabschluss sowie eine zweijährige Verkäuferausbildung abgeschlossen und arbeitet derzeit in einer Maßnahme. Im Baumarkt könnte sich daraus möglicherweise ein fester Arbeitsplatz entwickeln. Die Gespräche laufen. Eric versucht, sich nicht verrückt zu machen. „Abwarten und Tee trinken“, sagt er. Und er hat noch einiges mehr vor.

Fester Arbeitsplatz. Festes Einkommen. Führerschein. Eigenes Auto. Und irgendwann eine Wohnung, in der keine Unterstützung mehr nötig ist. Fast alles, was Eric über seine Zukunft erzählt, läuft auf dasselbe Wort hinaus: Selbstständigkeit. Dass der Weg dorthin nicht geradlinig ist, weiß er.

Auch der Auszug von zu Hause war nicht nur Aufbruch. Zwischen ihm und seiner Mutter hatte es immer wieder Streit gegeben – wegen Aufgaben im Haushalt, wegen des Handys, wegen Dingen, die sich für Eric irgendwann nur noch wie „Wiederholung, Wiederholung, Wiederholung“ anfühlten. Er zog sich zurück. Wollte die Gespräche nicht mehr hören. Und wollte zugleich endlich auf eigenen Beinen stehen. Seine Mutter habe seinen Auszug deshalb „mit einem lachenden und weinenden Auge“ gesehen. Froh, dass ihr Sohn diesen Schritt wagt. Traurig, weil er nach 24 Jahren geht.

Allein wohnen, ohne sich allein zu fühlen

Im April schaute sich Eric das Haus in Neustadt zum ersten Mal an. In das Einzelapartment sei er „auch gleich verliebt“ gewesen. Heute wohnt er darin. Ganz allein – und eben doch nicht. Drei weitere Menschen leben inzwischen mit im Haus. Eric zieht sich abends noch häufig in sein Apartment zurück. Zwei Wochen, so sagt er, seien keine lange Zeit, um plötzlich ein neues Leben zu sortieren. Aber manchmal klingelt das Telefon und einer der anderen fragt, ob er nicht rüberkommen wolle. Einfach ein bisschen zusammensitzen, ein bisschen quatschen. Allein wohnen, ohne sich allein zu fühlen.

Auch Eric bringt schon etwas in die kleine Gemeinschaft ein. Die Mitarbeitenden hätten gescherzt, er könne hier als „Eventmanager“ arbeiten. Das gefällt ihm. Organisieren liegt ihm. Beim Erntedankfest würde er gern mithelfen, vielleicht sogar vorkochen. Dekoration sei allerdings nicht so seins. Noch übt er. Und er sieht Fortschritte. Früher lag das Handy nachts manchmal bis zwei oder drei Uhr neben ihm. Heute setzt er sich eine Zeit, zu der Schluss ist. Er hat gemerkt, dass er dann morgens besser aus dem Bett kommt, ausgeruhter ist. Es sind kleine Dinge. Handy weglegen. Frühstücken. Aufstehen. Geld einteilen. Staubsaugen. Eine Aufgabe erledigen und erst dann die nächste beginnen.

Und draußen an der Tür hängt diese Klingel. Erics eigene. Noch ist die Wohnung in Neustadt für ihn nicht das Ziel. Sie ist der Ort, von dem aus er dorthin aufbrechen will. „Mein Hauptziel ist tatsächlich auch eine richtige komplette eigene Wohnung für mich zu haben“, sagt er. Bis dahin darf er üben. Hinter seiner eigenen Tür.