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Viel mehr Max Raabe als Rammstein

Thomas Homberg arbeitet seit zehn Jahren in der Kinderwohngruppe Usingen – mit einem großen Herzen, klaren Grenzen und der passenden Musik für jeden Arbeitstag


Usingen – Was für ein Tag hinter Thomas Homberg liegt, verrät die Musik auf der Heimfahrt. Läuft Rammstein, ist etwas schwer gewesen. Dann gab es Aggressionen, ein Kind ist an seine Grenzen geraten, vielleicht auch er selbst. Für gewöhnliche Tage sind die Ärzte zuständig. Und wenn alles gelungen ist, die Kinder gelacht haben und die Stimmung gut war, singt Max Raabe „Heute ist ein guter Tag, um glücklich zu sein“.

Eine knappe Stunde fährt Homberg von der Kinderwohngruppe Usingen nach Hause. Rund 60 Kilometer liegen zwischen Arbeit und Privatleben. Diese Strecke braucht er. Früher nahm er den Job mit nach Hause. Heute lässt er ihn während der Fahrt langsam zurück. Nicht, weil er ihm weniger bedeutet. Sondern weil er ihm sehr viel bedeutet.

Thomas Homberg ist 58 Jahre alt, groß, stattlich, ein Mann, der einen Raum schon durch seine Erscheinung ausfüllt. Dann beginnt er zu erzählen, lächelt von irgendwo ganz tief innen heraus, strahlt – und manchmal füllen sich seine Augen mit Tränen. „Ich liebe meinen Job“, sagt er. Nach zwei Wochen Urlaub könne er das letzte Wochenende kaum erwarten. Dann komme er zurück in die Wohngruppe, werde begrüßt und umarmt. „Ich kann mir nichts Besseres vorstellen.“

Von Berlin nach Usingen

Geplant war dieser Weg nicht. Homberg stammt aus der ehemaligen DDR und wusste nach der Wende nicht recht, wie es weitergehen sollte. Ein Freund hatte ein autistisches Kind. Dieses Kind, erzählt Homberg, habe entschieden, ihn in sein Leben zu lassen. Der Freund fragte, ob die Arbeit mit Menschen nicht etwas für ihn sei. Homberg begann in einer Behinderteneinrichtung in Berlin, machte später die Ausbildung zum Erzieher und arbeitete in verschiedenen Einrichtungen. Seit 2016 ist er in Usingen, von Anfang an. Zunächst wurden hier unbegleitete minderjährige Geflüchtete betreut, seit 2018 ist das Haus eine Kinderwohngruppe.

Die Kinder selbst dürfen nicht in die Öffentlichkeit. Ihre Geschichten gehören ihnen. Doch wenn Homberg von ihnen spricht, wird deutlich, wie nah sie ihm sind. „Das sind unsere Kinder“, sagt er. Ob geschrien, geweint oder gemeckert werde: Man habe sie einfach alle lieb. Darauf angesprochen, dass sein Herz sehr groß sein müsse, grinst Homberg. „Was nicht ins Herz passt, kommt in den Bauch.“ Das Lachen ist bei ihm nie weit von der Rührung entfernt.

Von einem früheren Jungen der Wohngruppe besitzt er noch kleine Ginkgobäume. Der Junge interessierte sich für Pflanzen, zog die Bäumchen selbst und schenkte ihm drei davon. Inzwischen sind sie groß. Kontakt haben sie heute zwar nicht mehr. Doch jedes Mal, wenn Homberg einen der Bäume betrachtet, weiß er, von wem er stammt.

Nähe ist Hombergs Stärke

Auch einer der jungen Geflüchteten, die einst in Usingen lebten, steht noch manchmal vor der Tür. Wenn er ein Problem hat, fragt er: Kannst du mir helfen? Dann hilft Homberg. Es spiele keine Rolle, ob jemand acht oder 25 Jahre alt sei. Wer Hilfe brauche, solle wissen, dass jemand da ist. Diese Nähe ist Hombergs Stärke. Sie war aber auch einmal seine Gefahr.

Offen spricht er über seinen Burnout. Damals kam vieles zusammen: die Arbeit, die Geburt seiner Tochter, eine zusätzliche Ausbildung. Beruf und Privatleben verschwammen. Homberg holte sich Hilfe, machte eine Therapie und baute sich ein Netz aus Menschen auf, zu denen er gehen kann, wenn es eng wird. Heute achtet er stärker auf sich. Zu Hause bleibt die Arbeit weitgehend draußen. Und da ist die Fahrt. Rammstein, die Ärzte, Max Raabe. Ein einfaches System für etwas, das er erst lernen musste: mit ganzem Herzen bei den Kindern zu sein, ohne sich selbst darin zu verlieren.

Schwere Tage gibt es. Tage, an denen Kinder beispielsweise aggressiv werden, an denen auch Erfahrung keine schnelle Antwort liefert. Doch Homberg erzählt viel länger von den anderen: von Sommerfesten mit den Eltern, vom Kinderlächeln beim Ankommen, vom gemeinsamen Spielen. Von einem Kind, das weder lesen noch schreiben konnte und die Wohngruppe schließlich als zweitbestes Kind seiner Klasse verließ. „Wenn die Kinder und ihre Eltern es zulassen, kann man unheimlich viel erreichen“, sagt Homberg. Überhaupt spielen die Eltern eine große Rolle. „Es braucht sie, damit Kinder hier ankommen können“, so Homberg. „Die Mitarbeitenden können Mutter und Vater nicht ersetzen, wir wollen unterstützen, nicht konkurrieren.“ Ein Kind dürfe nicht das Gefühl haben, sich zwischen seiner Familie und der Wohngruppe entscheiden zu müssen.

„Einfach nur glücklich”

Dann kehrt das Gespräch noch einmal zu jenem autistischen Jungen in Berlin zurück. Zu dem Kind, das Homberg in sein Leben ließ und damit, ohne es zu wissen, dessen ganzes Berufsleben in Bewegung brachte. Homberg hat diese Entscheidung nie bereut. „Ich bin, was das Berufliche betrifft, glücklich. Einfach nur glücklich.“ Der Junge lebt nicht mehr. Für einen Moment wird Homberg still. Seine Augen füllen sich. Ein großer Mann, der nicht versteckt, wenn ihn etwas bewegt.

Am Abend wird er wieder ins Auto steigen. Irgendwann wird Usingen im Rückspiegel verschwinden und die Musik übernehmen. Rammstein braucht er nur selten. „Viel, viel, viel mehr Max Raabe“, sagt er – mit einem Lächeln, das wieder von ganz tief innen kommt.