
Drei, zwei, eins: Hephata on air!
Christian Köhler, Matthias Stracke und Gerhard Loth holen in der Für-Uns-Manufaktur nach zehn Jahren den Werkstattsender zurück – mit Stolz, Witz und einer ziemlich guten Idee von Inklusion.
Fritzlar – Christian Köhler hat alles vor sich liegen. Zwei Seiten Sendekonzept, Fragen, Reihenfolge, Musik. Matthias Stracke sitzt an der Technik, Gerhard Loth wartet auf seinen Einsatz. Noch leuchtet kein „On Air“, aber die drei sind längst auf Sendung – zumindest im Kopf.
„Wollen wir unseren Radio-Jingle machen?“, fragt Christian. Natürlich haben sie eine eigene Erkennungsmelodie. Und natürlich wird sie gespielt. Ein paar Minuten später ist die Kantine der Fritzlarer Für-Uns-Manufaktur kein Pausenraum mehr. Sie ist Studio. Draußen am Backmobil wird gebacken, gegessen, geschnuddelt. Und plötzlich legt sich eine Stimme darüber.
„Hallo, liebe Radiohörer und Hörerinnen …“
Als der Jingle läuft, schaut Christian kurz zu Matthias hinüber. Dieses kleine Grinsen zwischen den beiden sagt eigentlich schon alles: Sie haben es wirklich wieder hingekriegt. Das Radio läuft. Und sie haben dafür einiges getan.
Am Tag zuvor war Generalprobe. Fragen wurden formuliert, Übergänge besprochen, Musik gesucht. Natürlich nicht einfach irgendeine. Wenn das Backmobil kommt, soll auch die Musik dazu passen. Also wühlen sie sich durch ihr Archiv, bis genügend Kuchen, Bäcker und Backwerk zusammenkommen - ‚Aber bitte mit Sahne“ inklusive.
„Man muss ja wissen, was man erzählen möchte“
Christian nimmt die Sache ernst. „Man muss ja wissen, was man erzählen möchte“, sagt er. Es klingt fast nüchtern angesichts dessen, was hier entstanden ist. Denn dieses Radio ist kein nettes Extra, das jemand den dreien hingestellt hat. Sie entwickeln die Sendung komplett selbst. Christian moderiert. Matthias sorgt dafür, dass sie technisch über den Hof kommt. Gerhard bringt Themen, Erinnerungen, Musik und eine ziemlich klare Meinung mit.
Sie bekommen neben ihrer eigentlichen Arbeit Zeit und Raum dafür – und machen etwas daraus, das unverkennbar ihres ist. Vielleicht liegt genau darin ein ziemlich guter Satz über Inklusion, ohne dass ihn an diesem Mittag jemand aussprechen muss: Nicht etwas für Menschen machen. Sondern Bedingungen schaffen, unter denen Menschen zeigen können, was in ihnen steckt.
Christian Köhler arbeitet in der internen Dienstleistung der Manufaktur. Computerarbeiten, Gestaltung und Abrechnungen gehören zu seinem Alltag. Radio kennt er schon aus früheren Jahren: Während einer Ausbildung in einer beruflichen Reha im Werra-Meißner-Kreis war er an einem Radioprojekt beteiligt. Jahrzehnte später erkannte Gerhard Loth ihn allein an seiner Stimme wieder. Matthias Stracke, 63, hat einen beruflichen Weg hinter sich, der zunächst kaum nach Mischpult klingt. 25 Jahre war er Metzger, bis die Knochen nicht mehr mitmachten und später ein Burn-out hinzukam. Heute arbeitet auch er in der Manufaktur. Computer hatten ihn schon immer interessiert. Beim Radio sitzt er an den Reglern und sorgt dafür, dass aus Konzept, Mikrofon und Musik tatsächlich Programm wird.
Werkstattalltag als Programm
Und Gerhard Loth? Der 51-Jährige ist blind, arbeitet seit 1999 hier, aktuell in der Telefonzentrale. Musik ist für ihn weit mehr als Hintergrundrauschen. Oldies, Schlager, Hörspiele, Filme – Gerhard kennt sich aus. Nebenbei baut er eine Mediathek auf. Und aus seiner Lust an Nachrichten, Musik und Geschichten entstand irgendwann sein eigener Sendername: Lothfunk. Mittags ging der früher regelmäßig über die Lautsprecher. Eine Viertelstunde, manchmal 20 Minuten. Was war los in der Werkstatt? Welche Nachricht war interessant? Dazu Musik, Fernsehtipps, Computerspiele, manchmal ein Witz. Werkstattalltag als Programm.
Dann wurde es still. Personal wechselte, Menschen fielen aus. Der Lothfunk verschwand aus dem Programm. Bis jetzt. Pünktlich zum Besuch des Backmobils gibt es das Revival, nach rund zehn Jahren – und plötzlich ist da wieder diese Energie. Christian, Matthias und Gerhard sind in ihrem Element. Sie fallen sich ins Wort, ergänzen einander, lachen, feilen noch mitten in der Sendung am Ablauf. Aus dem sorgfältig vorbereiteten Konzept wird kein steifes Programm, sondern ziemlich lebendiges Radio.
Und vor allem sieht man ihnen an, wie viel ihnen daran liegt. Da ist Konzentration, sobald das Mikro offen ist. Da ist dieses kurze Aufatmen, wenn ein Übergang klappt. Da ist Stolz, als die eigene Sendung tatsächlich über die Lautsprecher auf den Hof geht. Und da ist jede Menge Spaß.
Irgendwann gerate auch ich ins Programm. Aus dem Reporter wird kurzerhand ein Talkgast. Christian stellt mich als jemanden vor, der den ganzen Sommer mit dem Backmobil durchs Land fährt und Kuchen backt. Da muss ich eingreifen. „Also ich backe gar nicht, das machen die Kollegen Lisa, Maurice und Flo. Ich esse immer nur.“ Gelächter im Studio. Dann geht es weiter. Genau so soll Radio wahrscheinlich sein: vorbereitet genug, damit es trägt. Locker genug, damit etwas passieren kann.
Nicht nur zuhören. Sondern ans Mikrofon dürfen.
Christian hat ohnehin längst weitergedacht. Der Sender könnte wieder regelmäßig laufen. Vielleicht einmal pro Woche. Nachrichten aus der Manufaktur, Informationen aus Hephata, Gespräche, Gäste. Gerade für Menschen, denen Lesen schwerfällt, könnte daraus ein eigener Zugang zu dem werden, was um sie herum passiert. Auch das ist Teilhabe. Nicht nur informiert werden. Sondern selbst informieren. Nicht nur zuhören. Sondern ans Mikrofon dürfen.
Als die Sendung vorbei ist, bedanken sich die drei beinahe förmlich beieinander. Christian beim Techniker Matthias. Bei Gerhard. Bei den Gästen. Dann fällt die Anspannung ab. „Ich hoffe, dass euch das motiviert hat, weiterzumachen“, sage ich. Gerhard muss nicht lange überlegen. „Ich denke schon. Auf jeden Fall.“ Auch Christian lächelt und ist gedanklich längst bei der nächsten Sendung. Vielleicht ist das die Frequenz, auf der Inklusion wirklich funktioniert: Zutrauen statt Vorgaben. Und dann einfach das Mikro aufmachen: „Hallo, liebe Radiohörer und Hörerinnen …“











