Zum Hauptinhalt springen

Wenn die Wirklichkeit heller ist als die Gedanken

Lange wusste Stefano vor allem, was nicht funktioniert. Praktika scheiterten, Depressionen und Selbstzweifel begleiteten ihn. Heute macht der 32-Jährige eine reguläre Ausbildung auf dem ersten Arbeitsmarkt – nachdem ein betriebsintegrierter Beschäftigungsplatz bei Hephata für ihn zum Sprungbrett wurde.


Treysa – Glück zu empfinden ist für Stefano so eine Sache. Manchmal ist es da. Oft aber kommt es bei ihm gar nicht erst wirklich an. Davon erzählt der 32-Jährige erstaunlich nüchtern. Stefano wirkt nicht unsicher, wenn er spricht. Im Gegenteil: Er formuliert klar, beobachtet sich selbst genau und weiß ziemlich gut, an welchen Stellen ihm seine Erkrankung im Weg steht. 

Wenn die Depression stark ist, nimmt sie einem Gedanken alles Helle, bevor er überhaupt zu Ende gedacht ist. Stefano beschreibt es so: „Es ist, als würde jeder Gedanke einmal durch die Waschmaschine laufen. Das Positive wird dabei herausgespült – und übrig bleibt vor allem das Negative.“  Dazu kommt eine chronische Angststörung. Vor allem die Angst zu versagen, etwas falsch zu machen, nicht zu genügen.
Der Grundstein dafür wurde früh gelegt. Von seinem Vater habe er kaum Unterstützung erfahren. „Mir wurde immer vermittelt, dass ich nichts richtig machen kann.“ Botschaften, die geblieben sind. Stefano weiß sehr genau, woher vieles kommt. Er geht regelmäßig zur Therapie, nimmt Antidepressiva und setzt sich intensiv mit seiner Erkrankung auseinander. Verstanden hat er vieles längst. Schwieriger ist es, diese Erkenntnisse gegen die alten Stimmen im Kopf durchzusetzen.

„Ich hatte Angst, dort am Ende festzustecken.“

Komplimente kann er bis heute kaum annehmen. „Positive Dinge muss man mir immer und immer wieder sagen, bis ich sie überhaupt ansatzweise glaube.“ Selbst wenn längst alles gut läuft, sucht der Zweifel noch nach einer Hintertür. Auch deswegen war sein beruflicher Weg lange alles andere als geradlinig. Stefano absolvierte zahlreiche Praktika, probierte unterschiedliche Bereiche aus, war mehrfach im Einzelhandel. Doch vieles funktionierte nicht. Ein Praktikum brach er ab, weil ihm die Situation zu viel wurde. Auch eine berufliche Maßnahme endete vorzeitig. Irgendwann stand die Werkstatt für Menschen mit Behinderungen als nächster Schritt im Raum. Genau das wollte Stefano zunächst nicht. „Ich hatte Angst, dort am Ende festzustecken.“

Trotzdem ließ er sich darauf ein. In der Werkstatt merkte er schnell, dass ihn die eher einfachen und wiederkehrenden Tätigkeiten nicht ausfüllten. Für jemanden, der ohnehin mit dem Gefühl kämpft, nicht genug zu können oder gebraucht zu werden, war das schwierig. „Ich habe mich oft gefragt: Warum bin ich eigentlich hier?“ Gleichzeitig wurde immer deutlicher, dass Stefano mehr wollte – und einen Ort brauchte, an dem er stärker gefordert wird und unmittelbar spürt, was seine Arbeit bewirkt.

Er wechselte schließlich in den SB-Laden. Neue Kollegen, neue Abläufe, neue Aufgaben. Die erste Zeit sei anstrengend gewesen. Doch ziemlich schnell machte Stefano dort eine Erfahrung, die seinem alten Bild von sich widersprach. „Ich habe gemerkt: Ich bin mehr Hilfe als Belastung.“

BiB als Sprungbrett zum ersten Arbeitsmarkt

Er packte an, übernahm Aufgaben, arbeitete viel. Kollegen mussten ihn eher daran erinnern, auch einmal Pause zu machen. Aus dem Praktikum wurde schließlich ein betriebsintegrierter Beschäftigungsplatz, kurz BiB. Und genau der wurde für Stefano zum Sprungbrett, als sich nach einem Jahr eine ganz reguläre Ausbildung auf dem ersten Arbeitsmarkt anschloss.

„Ohne BiB hätte das so nicht funktioniert“, sagt er. „Die Leute kannten mich schon und wussten, was sie mir zutrauen können.“ Kein Bewerbungsgespräch, in dem binnen weniger Minuten alles stimmen musste. Kein Lebenslauf, der erklären sollte, wer Stefano ist. Die Kollegen kannten ihn längst. Über Monate hatten sie erlebt, wie er arbeitet und wie zuverlässig er ist.

Seit August ist Stefano nun Azubi. Zwei Tage in der Woche geht er zur Berufsschule, an den übrigen arbeitet er im SB-Laden. Vieles fühlt sich vertraut an, weil er die Arbeit längst kennt. Neu ist vor allem, dass aus einer Möglichkeit plötzlich ein Beruf wird.
Und doch heilt Arbeit keine Depression. Auch bei Stefano gibt es weiterhin schlechte Tage, Ängste und Selbstzweifel. Aber seine berufliche Entwicklung hat etwas verschoben: Wo lange die Angst saß, nicht gebraucht zu werden, steht heute immer öfter die Erfahrung: Ich gehöre hierher.

„Ich will einfach nur glücklich sein.“

Und auch jenseits der Arbeit ist sein Leben heute stabiler. Stefano lebt mit seinem Partner in einer eigenen Wohnung. Er geht zur Therapie, kennt seine Erkrankung und seine Schwachstellen – und hat sich ein Leben gebaut, das immer mehr sein eigenes ist.

Wenn Stefano einen Wunsch für sein Leben frei hätte, wäre er erstaunlich schlicht. „Ich will einfach nur glücklich sein.“ Mehr verlangt er gar nicht. Das Glück selbst lässt sich nicht erzwingen. Aber in Stefanos Leben ist inzwischen vieles von dem da, was ihm lange gefehlt hat: ein Platz, an dem er gebraucht wird. Menschen, die ihm etwas zutrauen. Ein Partner an seiner Seite. Und ein Beruf, der plötzlich nicht mehr nur eine Möglichkeit ist, sondern Zukunft. Vielleicht ist das noch nicht das ganze Glück. Aber ziemlich sicher ein Anfang.