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Wo die Wut endet, beginnt Leonies Weg

Leonie ist 15, liest sich mit Vorliebe in andere Welten und schreibt längst ihre eigenen. Darin geht es um Freundschaft, Vertrauen und Zusammenhalt. Dinge, die sie auch im wirklichen Leben erst lernen musste.

 

Elz – Am Ende traf es immer Oma und Opa. Die beiden Menschen, bei denen Leonie aufwuchs. Die da waren, seit sie fünf Monate alt war. Und ausgerechnet sie bekamen irgendwann all das ab, wofür Leonie selbst noch keine Worte hatte. Sie schimpfte, beleidigte, drohte. Wenn ihr etwas zu viel wurde, wenn sie sich unter Druck gesetzt fühlte, wenn sie nicht verstand, warum etwas nicht so ging, wie sie es wollte, konnte etwas in ihr kippen. Heute sitzt Leonie da und sagt ganz ruhig: „Ich wusste nicht mehr mit meiner Wut wohin.“

Sie ist 15. Und sie spricht über die damalige Leonie mit einer Klarheit, die beinahe irritiert. „Die Wut hat mich wiederum verzweifelt gemacht, manchmal auch traurig“, sagt sie. Sie habe kein Ventil gehabt. Also platzte heraus, was sich vorher in ihr aufgestaut hatte. Vielleicht muss man weit zurückgehen, um wenigstens zu ahnen, wie viel dieses Mädchen schon mit sich herumgetragen hat.

Leonie war noch ein Baby, als sie nicht mehr bei ihren Eltern leben konnte. Sie erzählt von Gewalt, von Verletzungen, vom Krankenhaus. Mit fünf Monaten kam sie zu ihren Großeltern. Dort wuchs sie auf. Zu ihrem Vater hat sie keinen Kontakt. Zur Mutter gibt es seit Kurzem einen vorsichtigen Kontakt über Briefe. Persönlich gesehen hat Leonie sie aber seit ihrer Babyzeit nicht mehr.

Leonie „flippte völlig aus“

Oma und Opa waren ihr Zuhause. Aber irgendwann reichte dieses Zuhause allein nicht mehr aus. Leonie besuchte eine Tagesgruppe, lebte in verschiedenen Wohneinrichtungen. Besonders in der Tagesgruppe geriet sie immer wieder an Grenzen. Musste sie länger bleiben, weil Hausaufgaben nicht erledigt waren, verweigerte sie sich. Ein Streit mit einem Betreuer eskalierte, nachdem er sie am Arm angefasst hatte. Leonie, sagt sie selbst, „flippte völlig aus“. Und nahm die Aggression anschließend mit nach Hause.

Irgendwann wussten auch ihre Großeltern nicht mehr weiter. Sie wurden nicht mehr fertig mit ihrer Enkeltochter. Nach zwei ersten Stationen in Wohneinrichtungen kam Leonie nach Elz. Ihre dritte Wohngruppe. Und da sitzt nun dieses Mädchen, das bis vor wenigen Minuten nicht einmal wusste, dass es heute sein erstes Interview geben würde. Kein Zettel, keine vorbereiteten Sätze. Leonie braucht beides nicht. Sie redet schnell, wach, manchmal beinahe atemlos. Über Schule und Freunde, über Pferde und Tiere. Und dann über Bücher.  Fantasy, Mystery, Anime. Manche Bücher liest sie mehrmals. Wenn es laut wird, stressig, zu viel, zieht sie sich zurück. Lesen gebe ihr „Ruhe“, sagt sie. Dann könne sie einfach hineingehen in eine andere Welt und dort eine Weile mit dabei sein.

In Elz musste Leonie erst lernen, dass sie nicht sofort wieder weiterziehen würde. Gruppenleiterin Stefanie Kück sagt, Leonie habe lange gebraucht, um zu verstehen, „dass hier jetzt ihr neues Zuhause ist“. Am Anfang waren da noch die Ausbrüche, das Ringen mit Regeln, Grenzen, einem Nein. Aber diesmal geschah etwas Entscheidendes: Leonie kam an, spürte die „Bindung“, die Kück als den wichtigsten Baustein ihrer Arbeit bezeichnet. Zuhören. Reden. Zeit miteinander verbringen. Da sein. Leonie fand nach und nach andere Wege für das, was früher oft nur eskalieren konnte. „Es nützt doch nichts, die Wut unkontrolliert rauszulassen“, sagt sie und erzählt von ihrer Liebe zu Tieren, die ihr mittlerweile Ruhe gebe. Und natürlich gibt es ihre Bücher. Nicht nur die, die sie liest.

„Ich spiele die Hauptperson.“

Leonie schreibt selbst. Eine ihrer Geschichten heißt „Die Romanze“. Es geht um Freundschaft, Liebe, Streit, Zusammenhalt. Vor allem um Vertrauen. Das müsse man erst gewinnen, sagt ihre Hauptfigur. Man müsse einander unterstützen. Wie viel Leonie in dieser Figur steckt? Sie überlegt keine Sekunde. „Ich spiele die Hauptperson.“ Vielleicht berührt dieser Satz gerade deshalb so sehr, weil Leonie selbst lange in einer Geschichte spielte, deren Handlung andere bestimmten. Als Baby musste sie fort von ihren Eltern. Später entschieden Erwachsene über Tagesgruppe, Wohneinrichtungen, den nächsten Ort. Heute denkt sie selbst darüber nach, wie es weitergehen soll: Schulabschluss im nächsten Jahr. Irgendwann eine Außenwohngruppe. Und später ein Beruf mit Tieren – am liebsten dort, wo Tiere aufgenommen werden, die Hilfe brauchen. Sie versorgen, ihnen Sicherheit geben, sie großziehen.

Leonie ist erst 15. Ihre Geschichte ist also noch lange nicht zu Ende. Aber wenn man ihr an diesem Nachmittag zuhört, wie klar sie über früher spricht und wie selbstverständlich über morgen, dann wirkt es, als hätten Oma und Opa trotz aller Verzweiflung damals doch ziemlich viel richtig gemacht. Und heute haben sie allen Grund, auf ihre Enkelin stolz zu sein.