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Wohnung gekündigt. Und das alte Leben gleich mit

Steffen hat lange erlebt, wie sein Leben aus der Spur geriet. Gewalt, Heime, Missbrauch, Sucht und immer neue Abstürze liegen hinter ihm. Heute lebt der 48-Jährige im Zechenhof und arbeitet im Berufsbildungsbereich auf dem Bio-Geflügelhof Leuderode. Vor allem aber hat er etwas gefunden, das lange fehlte: eine Richtung, der er selbst vertraut.

 

Leuderode – Steffen wollte, dass diese Geschichte erzählt wird. Seine Geschichte. Schon Wochen vor dem Roadshow-Stopp auf dem Bio-Geflügelhof Leuderode hatte er sich beim Geschichtenbäcker gemeldet. Er hatte andere Beiträge gelesen, Geschichten von Menschen, deren Leben nicht geradeaus verlaufen war. Manche hätten ihm „echt Gänsehaut“ gemacht, sagt er. Vielleicht, weil darin nicht nur das Schwere stand. Sondern auch die Kraft, die geblieben ist. 

Steffen arbeitet mit Holz und Eiern. „Ein bisschen Power und dann das Gefühlvolle“, sagt er. Holz verlangt Kraft, Eier Fingerspitzengefühl. Ein beiläufiger Satz – und doch passt er zu einem Mann, dessen Leben lange vor allem Durchhalten verlangt hat. 

Steffen wächst in Thüringen auf. Sein Vater ist stark alkoholabhängig, Gewalt gehört früh zum Alltag. Als Steffen sechs Jahre alt ist, bemerken Lehrer den stillen, ängstlichen Jungen – und seine Blessuren. Das Jugendamt greift ein. Innerhalb weniger Tage kommt er in ein Kinderheim. Angst habe er gehabt. Aber auch Erleichterung gespürt. „Vielleicht wird es besser. Keine Schläge mehr, keine Ausgrenzung, keine Demütigung.“

Manche Dinge verschwinden nicht, nur weil Jahrzehnte vergehen. 

Doch auch danach wird nicht einfach alles gut. Drei Heime folgen, in einem davon wird Steffen mehrfach sexuell missbraucht. Nähe ist für ihn bis heute schwierig, Berührungen kann er oft nur schwer zulassen. Manche Dinge verschwinden nicht, nur weil Jahrzehnte vergehen. 

Als junger Mann versucht er, vieles von dem zu betäuben, was geblieben ist. Alkohol und Drogen bestimmen immer stärker sein Leben. Dazwischen Entgiftungen, Therapien, Rehas und Versuche, wieder Fuß zu fassen. Eine Ausbildung schließt er ab, zwölf Jahre arbeitet er in einem Betrieb. Doch die Sucht läuft mit. Irgendwann verliert er den Arbeitsplatz und sein Leben kippt endgültig. Steffen lebt allein, der Konsum wächst, Schulden entstehen, die Einsamkeit wird größer. Mehrere Suizidversuche folgen. „Ich konnte mein Leben nicht wirklich leben“, sagt er über diese Zeit. 

Bis zu jenem Tag, an dem auf dem Weg zu einer weiteren Entgiftung etwas anders ist. Steffen kennt den Ablauf längst: Entgiftung. Reha. Zurück in die Wohnung. Irgendwann wieder Alkohol, wieder Drogen. Und plötzlich weiß er: Wenn er diesmal nur seinen Körper entgiftet, aber sein Leben nicht verändert, wird alles wieder von vorne beginnen. „Ich habe gemerkt: Alleine schaffe ich es nicht.“ Ein Satz, der nach Kapitulation klingen könnte. Für Steffen wird er zum ersten großen Schritt nach vorn.

„Das war ein sehr entscheidender Schnitt“

Er kündigt seine Wohnung und entscheidet sich bewusst für Hilfe. „Das war ein sehr entscheidender Schnitt“, sagt er. „Hätte ich den nicht gemacht, würde ich heute wahrscheinlich nicht mehr hier sitzen.“ Nach Entgiftung und Reha kommt Steffen in den Zechenhof von Hephata. Dort lebt er heute in einer Zweier-WG, fühlt sich wohl, mag die Ruhe. Selbstständigkeit bleibt sein Ziel. Aber Steffen ist vorsichtiger geworden. Früher hätte das vielleicht nach Angst geklungen. Heute klingt es nach Erfahrung. 

Und er hat aufgeräumt. Kontakte abgebrochen, Telefonnummern gelöscht, sich von Menschen getrennt, die zu seinem alten Leben gehörten. Geblieben sind sechs, vielleicht sieben. Nicht viele. Aber die Richtigen. Eine Familie aus der Region begleitet ihn seit rund 20 Jahren. Nicht seine leibliche – und trotzdem nennt Steffen sie „seine Familie“. Sie hat ihn aufgenommen, unterstützt, ins Krankenhaus gefahren, besucht, abgeholt. Ist geblieben, als anderes längst zerbrochen war. Vielleicht braucht Familie manchmal keine gemeinsame Herkunft. Nur Menschen, die nicht verschwinden, wenn es schwierig wird.

Seit zwei Jahren ist Steffen clean und trocken. Kein Rückfall. „Es funktioniert“, sagt er. Zwei unscheinbare Worte für etwas, das in seinem Leben alles andere als selbstverständlich ist. Auch beruflich geht er heute Schritt für Schritt. Im Berufsbildungsbereich hat er sich für den Bio-Geflügelhof Leuderode entschieden. Holz bearbeiten, Eier sortieren, arbeiten mit Menschen, bei denen er sich ernst genommen fühlt. „Ich werde gebraucht. Wir begegnen uns auf Augenhöhe.“ Und dann sagt Steffen einen Satz, für den er ziemlich weit kommen musste: „Ich mache gute Arbeit. Das weiß ich.“ 

Heute reicht, dass der aktuelle Schritt stimmt. 

Was danach kommt, weiß er nicht. Vielleicht irgendwann ein Praktikum, vielleicht wieder ein Arbeitsplatz auf dem ersten Arbeitsmarkt. „Ich weiß nicht, was nächstes Jahr ist. Ich weiß nicht, was morgen ist.“ Heute reicht, dass der aktuelle Schritt stimmt. 

Vielleicht ist genau deshalb jetzt der Moment gekommen, in dem Steffen seine Geschichte erzählen will. Weil er in den Geschichten der anderen etwas gespürt hat: Schmerz, der nicht verschwiegen wird. Aber eben auch Stärke. Nun gehört seine Geschichte dazu. Nicht, weil die Vergangenheit verschwunden wäre. Sie ist da. Die Depression, die Traumata, die Erinnerungen. Manche Dinge lassen sich nicht löschen wie eine Telefonnummer. Aber manches lässt sich entscheiden: welche Menschen bleiben dürfen, welchem Ort man vertraut, ob man wieder in dieselbe Spirale zurückkehrt – oder aus ihr heraussteigt.

Vor zwei Jahren hat Steffen genau das getan. Seitdem hält sein Leben. Nicht perfekt. Nicht frei von alten Wunden. Aber fest genug, dass er heute selbst darum bittet, davon erzählen zu dürfen. Vielleicht, weil er zum ersten Mal seit sehr langer Zeit nicht erklären muss, warum schon wieder etwas zerbrochen ist. Sondern weil er sagen kann: So darf es jetzt weitergehen.

- ENDE -

 

 

Nun ist die Roadshow beendet und auch dieser Blog fast am Ziel. 
Deshalb erlauben Sie mir zum Schluss ein paar persönliche Zeilen.


Was bleibt nach all diesen Monaten? Nicht nur Texte, Fotos und Stationen auf einer langen Liste. Es bleiben Gesichter. Stimmen. Sätze, die sich festgesetzt haben. Blicke, in denen mehr lag als in manchem langen Gespräch. Begegnungen, die erst ganz klein wirkten – und dann doch etwas hinterlassen haben.

Viele Menschen haben mir in den vergangenen Monaten Dinge erzählt, die man nicht jedem erzählt. Von Angst. Von Krankheit. Von Sucht. Von Einsamkeit. Von Gewalt. Von Liebe. Von Hoffnung. Von dem Versuch, noch einmal neu anzufangen. Manche haben gelacht, manche geweint. Manche haben mitten im Satz abgebrochen, weil die Erinnerung plötzlich wieder sehr nah war.

Und immer wieder saß ich da und dachte: Was für ein Vertrauen.

Dafür bin ich zutiefst dankbar.

Für jeden Menschen, der mir erlaubt hat, ein Stück seines Lebens mitzunehmen. Für die Offenheit, für den Mut, für die leisen und die lauten Momente. Für Geschichten, die wehgetan haben – und für jene, die gezeigt haben, wie viel Licht selbst nach sehr dunklen Jahren noch möglich ist.

Ich hoffe, ich habe ihnen mit meinen Texten etwas zurückgeben können. Dass sie sich darin wiedergefunden haben. Dass nichts kleiner, schöner oder dramatischer geworden ist, als es war. Und dass zwischen all den Worten das sichtbar geblieben ist, was mir auf dieser Reise am wichtigsten geworden ist: der Mensch dahinter.

Manche dieser Begegnungen werde ich wohl nie wieder vergessen.

Danke für dieses Vertrauen. Und danke, dass ich diese Geschichten erzählen durfte.