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Wer kommt und hilft uns?

Schwester Ursula Graack ist 97 Jahre alt. Eine Frage, die sie einst beim Hephata-Jahresfest in Treysa hörte, hat ihr Leben geprägt – und führt bis heute zu dem, was ihr am wichtigsten ist: für andere da zu sein.

 

Kassel – Um sie herum ist Bewegung. Stimmen laufen durcheinander, Menschen kommen und gehen, irgendwo wird begrüßt, geredet, Pizza gebacken. Roadshowstopp bei „Offen für Vielfalt“ in Kassel, und mittendrin sitzt Schwester Ursula. 97 Jahre alt.

Während ringsum das Leben ziemlich laut ist, strahlt sie eine Ruhe aus, die auffällt. Sie lächelt immer wieder, nicht groß, nicht für die Kamera. Eher dieses stille, fast beseelte Lächeln eines Menschen, der tief in Erinnerungen greift und dort offenbar vieles findet, das ihn bis heute trägt. Manches kommt sofort. Bei anderem sucht sie einen Moment nach dem richtigen Faden. Aber wenn Ursula Graack von ihrem Weg zur Diakonisse erzählt, fügt sich vieles erstaunlich klar zusammen. 

„Ich wollte für Menschen da sein.“

Sie kommt aus dem Braunschweiger Land, besucht dort eine Frauenfachschule. Einen fertigen Lebensplan hat sie damals nicht. Aber einen Wunsch. „Ich wollte für Menschen da sein.“ Doch wie macht man das, wenn man jung ist und etwas Sinnvolles tun möchte? Ursula denkt an den Beruf der Schwester. Während eines Praktikums in einem Pfarrhaushalt entsteht der Kontakt zum Kasseler Diakonissenhaus. Dort werden Krankenschwestern ausgebildet.

Also geht sie nach Hessen. 20 oder 21 Jahre alt ist sie, weit weg von zu Hause, neugierig auf eine Gegend, die sie kaum kennt. Ihre Eltern geben ihr die Erlaubnis. Ursula beginnt in Kassel ihre Ausbildung zur Krankenschwester. Diakonisse will sie zu diesem Zeitpunkt noch nicht werden. Auch der Glaube spielt zunächst keine große Rolle. Jeden Morgen müssen die Schülerinnen zur Andacht. „Am Anfang habe ich da eigentlich gar nicht richtig zugehört“, sagt sie und schmunzelt.

Dann verändert die Arbeit ihren Blick. Sie erlebt zum ersten Mal schwere Krankheiten, sieht Menschen sterben. „Ich habe gemerkt, dass das Leben begrenzt ist“, sagt sie. Und ausgerechnet jetzt beginnt ein Wandel. „Auf einmal fing das Wort Gottes, das täglich in den Andachten an mich herangetragen wurde, in mir an zu arbeiten.“ Die endgültige Entscheidung kommt, als eine Schwester sie mit zum Hephata-Jahresfest nach Treysa nimmt. Dort, mitten in der großen Festgemeinde, geschieht etwas, an das sie sich mehr als sieben Jahrzehnte später noch erinnert, als sei es gestern gewesen. Eine Jugendgruppe trägt Sprechchöre vor. „Wir brauchen Erzieher, wer kommt und hilft uns? Wir brauchen Schwestern. Wer kommt und hilft uns?“ Immer wieder diese Frage. „Wer kommt und hilft uns?“ 

„Der entscheidende Punkt”

Ursula sitzt vor der Bühne und hört zu. Und plötzlich denkt sie: „Ich könnte ja kommen, ich bin ja jung, ich könnte ja kommen.“ Die Worte aus Treysa gehen mit ihr zurück nach Kassel. „Das hatte in meinem Herzen so Fuß gefasst, dass mich das nicht mehr losließ.“ Heute nennt sie diesen Moment schlicht „den entscheidenden Punkt“. Aus dem Wunsch, Krankenschwester zu werden, wächst ein Entschluss, der ihr ganzes Leben bestimmen wird: Ursula Graack will ihr Leben in den Dienst Gottes und der Menschen stellen.

Dafür braucht sie damals noch die Zustimmung ihrer Eltern. Also fährt sie nach Hause. „Was willst du werden? Diakonisse? Was ist denn das?“, erinnert sie sich an die Reaktion ihres Vaters. Sechs Jahre gehören zu diesem Weg: zwei Jahre als Probeschwester, vier Jahre Noviziat. Ihre Eltern unterschreiben. Wohl auch deshalb, weil sie denken, in einer so langen Zeit könne ihr „Urselchen“ es sich noch anders überlegen. Sie lächelt. „Da hat er sich getäuscht.“

Dabei ist ihr Weg keineswegs frei von Zweifeln, und irgendwann kommt der Punkt, an dem sie wieder raus will. Sie möchte frei sein. Selbst entscheiden. Nicht wegen jeder Sache nach Kassel zur Probemeisterin fahren und um Erlaubnis bitten müssen. Sie ist noch Jungschwester – und fragt sich, ob dieses Leben wirklich ihres ist. Ihrem Zwillingsbruder Wilfried erzählt sie davon. Der hört ihr zu und erinnert sie daran, wie oft sie davon spreche, für Gott da sein und ihm dienen zu wollen. Ob Gott nicht groß genug sei, fragt er, ihr innere Freiheit zu geben, auch wenn die äußere Freiheit begrenzter sei. Der Satz bleibt. Ursula fährt nach Kassel zur Probemeisterin, erzählt ihr davon – und bleibt. 

Später wird sie stellvertretende Oberin des Hauses. Ihre Aufgaben führen sie bis nach Ostafrika. Mehrere Kasseler Schwestern arbeiten damals in Tansania, die Schwesternschaft führt dort auch ein Kinderheim. Wenn sie all das erzählt, klingt es nicht nach Stationen eines Lebenslaufs. Eher nach Menschen, für die sie da war. Nach Aufgaben, die kamen – und die sie annahm. 

Ein Leben mit festen Regeln

Diakonissen lebten als evangelische Schwestern in einer Glaubens-, Lebens- und Dienstgemeinschaft. Ehelosigkeit gehörte dazu, ebenso der Verzicht auf eigenes Einkommen. Der Verdienst floss in die gemeinsame Kasse, die Gemeinschaft sorgte für ihre Schwestern. Es war ein Leben mit festen Regeln, das viel verlangte. Ursula Graack verklärt es nicht. Sie kennt den Wunsch nach Freiheit. Schließlich wollte sie selbst einmal gehen. Und sie weiß auch, dass die alte Form der Diakonisse verschwindet. Immer weniger junge Frauen, sagt sie, seien bereit zu jener „unbedingten Verfügbarkeit“, die ihr eigenes Leben verlangt habe. Das bedeute aber nicht, dass auch das Helfen verschwinde. Junge Menschen seien weiterhin bereit, in sozialen Berufen für andere da zu sein. Die Form verändert sich. Das Helfen bleibt.

Und damit führt ihre Geschichte zurück nach Treysa. Dorthin, wo eine junge Ursula vor mehr als sieben Jahrzehnten diese eine Frage hört: „Wer kommt und hilft uns?“ Ausgerechnet dort fällt jener Satz, der Ursula Graacks Leben eine Richtung gibt. Heute, 125 Jahre nach der Gründung Hephatas, klingt er erstaunlich gegenwärtig. Die Menschen tragen keine weißen Hauben mehr. Sie leben nicht ehelos in einer Schwesternschaft. Aber sie arbeiten mit Menschen, die Unterstützung brauchen. Sie begleiten, pflegen, fördern, bilden aus, hören zu, halten aus. 

Ursula Graacks Welt ist inzwischen kleiner geworden. Sie lebt im Amalienhaus und wirkt für ihr Alter erstaunlich munter. „Natürlich dauert alles viel länger“, sagt sie. Sie räumt ein bisschen auf, schreibt noch viel, bekommt Post von Angehörigen. Und abends? Da flimmert der Fernseher. Am liebsten Krimis. Und wieder lächelt sie. „Gott hat mein Leben reich gemacht“, sagt Schwester Ursula. 

„Man bekommt so viel Liebe zurück.“

Und was würde sie heute einem jungen Menschen sagen, der überlegt, einen helfenden Beruf zu ergreifen? Diesmal muss sie nicht nach Erinnerungen suchen. Die Antwort kommt prompt: „Dann würde ich sagen, dass es ein Beruf ist, der den Menschen ausfüllt. Man bekommt so viel Liebe zurück.“ 

Ringsum geht der Roadshowtrubel weiter. Stimmen, Gespräche, Menschen. Schwester Ursula sitzt mittendrin. Ruhig. Immer noch lächelnd. Vor mehr als 70 Jahren hörte sie beim Hephata-Jahresfest in Treysa eine Frage, die ihr Leben prägen sollte: „Wer kommt und hilft uns?“ Ihre Antwort darauf ist ein ganzes Leben geworden.