
Für ein halbes Jahr gekommen. 40 Jahre geblieben.
Ein halbes Jahr wollte Andreas Kämpfer bleiben. Heute blickt er auf 40 Jahre Hephata zurück – auf Verantwortung und Veränderung, auf Brüche und Neuanfänge. Und auf einen Weg, der seinen Blick auf die Menschen geprägt hat, die heute bei Hephata ihren eigenen beginnen.
Schwalmstadt – 40 Jahre sind lang genug, damit aus einem Praktikum ein Berufsleben wird. Lang genug für Aufstieg und Rückschläge, für Zeiten, in denen vieles leichtging – und andere, in denen man sich selbst wieder aufrichten muss. Als Andreas Kämpfer am 1. Januar 1986 beim damaligen Diakoniewerk Schwalm anfing, ahnte er davon nichts. Er kam von der Bundeswehr und wollte erst einmal schauen: ein halbes Jahr Praktikum, ausprobieren, herausfinden, was danach kommen könnte.
Dann blieb er.
Heute sitzt Kämpfer in der Personalabteilung von Hephata und entscheidet mit darüber, wer neu dazukommt. Manchmal reicht ihm dafür schon eine Handynummer. Kein Anschreiben, kein fein säuberlich gesetzter Lebenslauf, keine Mappe voller Zeugnisse. Wenn sich jemand per WhatsApp meldet, Namen und Beruf nennt und dazuschreibt, wann er erreichbar ist, kann das schon genügen. „Der Bewerber soll es einfach haben“, sagt er und grinst, während er gedanklich 40 Jahre zurückreist: „Damals hätte das für Irritationen gesorgt, meine Bewerbung bestand noch aus Anschreiben, Lebenslauf, Schulzeugnis und Bundeswehrbescheinigung.“
Was steckt hinter einem Lebenslauf?
Auf das Praktikum folgte die kaufmännische Ausbildung. Schon im zweiten Ausbildungsjahr übernahm Kämpfer die Gehaltsabrechnung für rund 70 Beschäftigte. Mit den Jahren folgten Stationen als Sachbearbeiter, Teamleiter und stellvertretender Personalleiter. Heute ist Kämpfer Personalreferent und Teamkoordinator im Recruiting. Der frühere Praktikant sitzt also längst auf der anderen Seite. Er führt Videogespräche, hört zu, fragt nach. Was weiß jemand über Hephata? Wie erzählt er vom eigenen Weg? Wie ernst ist das Interesse? Und manchmal eben auch: Was steckt hinter einem Lebenslauf?
Dass Kämpfer darauf einen besonderen Blick hat, gehört ebenfalls zu diesen 40 Jahren. Denn sein eigener Weg verlief nicht immer gerade. Kämpfer hat eine Abhängigkeitserkrankung. Alkohol gehörte lange zu seinem Leben, zunächst als etwas Selbstverständliches nach Handball- oder Tennisspielen. Doch irgendwann, erzählt er, „kam der Kipppunkt, vom Genuss ging es schleichend über in die Abhängigkeit.“ Er machte Therapien, wurde rückfällig, begann wieder von vorn. Nach der ersten Therapie sei da noch Scham gewesen. Später entschied er sich, offen mit seiner Erkrankung umzugehen. Nicht, weil sie ihn ausmacht. Sondern weil sie zu ihm gehört. „Man fällt. Aber man steht auch wieder auf.“
Heute fühlt sich das Hephata-Urgestein gefestigt. Alle 14 Tage trifft er sich mit einer Online-Selbsthilfegruppe, die er selbst gegründet hat. Und was er selbst erlebt hat, verändert auch seinen Blick auf andere. „Vor einiger Zeit saß ich in einem Videogespräch einem Bewerber gegenüber, der offen erzählte, selbst eine Therapie gemacht zu haben“, so Kämpfer. Für manche wäre das womöglich ein Makel im Lebenslauf gewesen. Kämpfer sah etwas anderes: Ehrlichkeit und Erfahrung. Er empfahl ihn für eine Stelle in der Sozialpsychiatrie. Der Mann wurde eingestellt. „Da wusste jemand, von was er spricht.“
„Irgendwann rutsche ich selber da rein.“
Dass ausgerechnet dieser Bereich einmal so eng mit seiner eigenen Geschichte verbunden sein würde, konnte Kämpfer damals nicht ahnen. Denn jener Bereich, mit dem er schon zu Beginn seiner Hephata-Zeit besonders verbunden war, hieß Soziale Rehabilitation. Abhängigkeitserkrankungen gehörten dort zum beruflichen Alltag. „Das Paradoxe ist: Irgendwann rutsche ich selber da rein.“ Heute kann Kämpfer diese Erfahrung dort einbringen, wo sie etwas wert ist: wenn es darum geht, hinter Zeugnissen, Abschlüssen und Stationen auch den Menschen zu sehen.
Viel lieber aber spricht er über seine Arbeit – und darüber, was sich gerade in den vergangenen Jahren getan hat. Noch vor wenigen Jahren gingen Bewerbungen auf Papier ein, wurden eingescannt, in Excel-Listen erfasst und per E-Mail weitergeschickt. Heute laufen sie durch ein digitales Bewerbermanagementsystem, das Kämpfer gemeinsam mit Kollegen aufgebaut hat. Bewerbungen kommen über Jobportale, Homepage oder WhatsApp. Allein in den ersten sechs Monaten dieses Jahres landeten rund 2800 Bewerbungen im System. So digital das alles geworden ist: Am Ende sitzt Kämpfer trotzdem einem Menschen gegenüber.
Vielleicht liegt genau darin eine seiner Stärken nach 40 Jahren. Hephata kennt er nicht nur aus Verträgen und Akten. Er hat erlebt, wie Bereiche gewachsen sind, Aufgaben sich verändert haben, Neues kam und Altes verschwand. Irgendwann wurde aus dem Arbeitgeber ein Teil der eigenen Biografie.
Ein paar Jahre möchte der 62-Jährige noch weitermachen, das Recruiting weiterentwickeln und neue Ideen für die Ausbildung voranbringen. Danach sollen seine Frau, seine Tochter und das Reisen mehr Raum bekommen. Bis dahin sitzt Andreas Kämpfer weiter an seinem Platz in der Personalabteilung. Vor ihm Bewerbungen von Menschen, die gerade überlegen, ob Hephata der richtige Ort für sie sein könnte. Eine Frage, die er selbst vor 40 Jahren auch noch nicht beantworten konnte. Eigentlich wollte er damals nur ein halbes Jahr bleiben. Heute muss er lachen, wenn er daran denkt.










