
Schatzi hier, Schatzi da
Kerstin und Mark sind schon seit mehreren Jahren ein Paar. Im Hephata-Wohnhaus an der Stadtmauer in Rotenburg leben sie ihre Beziehung mit allem, was dazugehört: Nähe, Streit, Rückzug und dem Wunsch nach einem selbstbestimmten Leben. Und damit beginnt eine Geschichte über ein Thema, über das noch immer erstaunlich wenig gesprochen wird: Liebe und Sexualität von Menschen mit Beeinträchtigungen.
Rotenburg – „Mein Schatz heißt Kerstin und wir lieben uns sehr.“ Mark braucht nicht viele Worte, um die Sache zu klären. Kerstin sitzt neben ihm. „Ja“, sagt sie, „wir haben uns lieb.“ Schon seit mehreren Jahren sind die beiden ein Paar. Wie es damals angefangen hat? „Alles war schön“, erinnert sich Mark. Schnell habe er sie gefragt: „Willst du mein Schatz werden?“ Kerstin sagte Ja. „Sofort“, betont Mark.
Seitdem gehören sie zusammen. Nicht immer einer Meinung und schon gar nicht in jener zuckersüßen Harmonie, die Liebesgeschichten auf dem Papier manchmal bekommen. Kerstin und Mark können sich streiten – und sich wieder vertragen. Sie helfen einander, passen auf das Zimmer des anderen auf, verbringen die Abende miteinander, schauen fern, essen Chips und kuscheln. Vor allem aber haben sie etwas, das für die beiden ziemlich selbstverständlich ist: ihre Beziehung.
Dass genau diese Selbstverständlichkeit noch immer etwas Besonderes sein kann, merkt man erst, wenn man den Blick ein wenig weitet. Im Rotenburger Wohnangebot leben mehrere Paare. Manche leben bereits nah beieinander, andere möchten irgendwann gemeinsam wohnen. Partnerinnen und Partner von außerhalb können zu Besuch kommen, auch Übernachtungen sind möglich. Es wird über Hochzeit gesprochen, über Streit und Versöhnung, über Nähe und Distanz. Also über all jene Dinge, die Beziehungen eben mitbringen.
„Je normaler, desto besser“
„Je normaler, desto besser“, sagt Teamleiterin Viktoria Stuckert. Dahinter steckt ein einfacher Gedanke: Was außerhalb einer Wohneinrichtung selbstverständlich ist, sollte nicht plötzlich ungewöhnlich werden, nur weil Menschen Unterstützung benötigen. Sich verlieben. Gemeinsam Zeit verbringen – oder gerade keine verbringen wollen. Sich zurückziehen, streiten, versöhnen, kuscheln, intim sein. Selbst entscheiden, wie viel Nähe man möchte und mit wem. Unterstützung soll solche Entscheidungen möglich machen, nicht sie ersetzen.
Damit ist auch Sexualität kein Randthema. Kinderwunsch, Verhütung, körperliche Nähe, Geschlechtsverkehr – all das gehört dazu. Stuckert sieht sich und ihre Kolleginnen und Kollegen dabei nicht als Erziehungsberechtigte. „Eher Vertraute und beratende Personen“, sagt sie. Die Aufgabe bestehe darin, Menschen bei ihren eigenen Entscheidungen zu unterstützen. Entscheidend sei, dass Intimität im gegenseitigen Einvernehmen stattfinde. Und manches gehe Angehörige schlicht nichts an. Erwachsene Menschen müssten ihren Eltern schließlich auch sonst nicht erzählen, wann sie mit ihrem Partner kuscheln oder intim werden.
Wie weit diese Haltung reichen kann, zeigt ein anderes Beispiel aus der Vergangenheit. Ein Bewohner war aufgrund einer starken körperlichen Beeinträchtigung nicht in der Lage, Sexualität ohne Unterstützung zu leben. Mitarbeitende begleiteten ihn deshalb zu einem professionellen Angebot für intime Dienstleistungen. Welche Person er treffen wollte und was er sich wünschte, entschied er selbst. Für Stuckert ist auch das keine Grenzüberschreitung, sondern Unterstützung. „Es ist ja auch einfach ein Grundbedürfnis“, sagt sie. Ein sexuelles Bedürfnis verschwinde schließlich nicht dadurch, dass ein Mensch eine Behinderung habe.
Gespräche, Beratung und manchmal Zeit
Schwieriger wird es mitunter dort, wo Angehörige ihre erwachsenen Kinder weiterhin vor allem beschützen wollen. Dann brauche es Gespräche, Beratung und manchmal Zeit. Die Perspektiven können auseinandergehen – bei Beziehungen, Heiratswünschen oder Sexualität. Die Mitarbeitenden versuchen dann, nicht für jemanden zu entscheiden, sondern an seiner Seite zu bleiben.
Auch bei Kerstin und Mark gibt es unterschiedliche Vorstellungen davon, wie ihre Beziehung aussehen kann. Doch auch hier geht es darum, immer wieder auszutarieren, welche Entscheidung tatsächlich wem gehört. Und während solche Fragen von außen schnell grundsätzlich wirken, besteht eine Beziehung im Alltag meist aus viel kleineren Dingen: einander helfen, füreinander da sein, gemeinsam fernsehen, Chips essen, kuscheln – und sich nach einem Streit wieder vertragen.
Viktoria Stuckert kennt das längst. „Schatzi hier, Schatzi da“, sagt sie mit einem warmen Lächeln. „Guten Morgen Schatzi, gute Nacht.“ Die beiden seien schon sehr süß miteinander. Kerstin und Mark selbst machen daraus kein großes Thema. Sie gehört einfach zu ihrem Leben: die Liebe, die hier nicht – und vor allem niemandem – erklärt werden muss. Sie ist einfach da.











