
Weil Teilhabe glücklich macht
Die Reise zum Dazugehören
Unterwegs mit dem Geschichtenbäcker: Begegnungen, die zeigen, was Teilhabe wirklich bedeutet
Als ich vor einigen Monaten als Geschichtenbäcker mit dem Hephata-Backmobil auf Jubiläums-Roadshow gegangen bin, dachte ich, ich wüsste ziemlich genau, worüber ich schreiben würde. Über Einrichtungen. Über Konzepte. Über Menschen mit Behinderungen oder psychischen Erkrankungen. Über Jugendhilfe. Über Sucht. Über Inklusion.
„Heute weiß ich, dass ich mich geirrt habe“
Nicht, weil diese Themen unwichtig wären. Sondern weil sie auf meiner Reise immer wieder in den Hintergrund traten. Was blieb, waren die Menschen: ihre Gesichter, ihre Geschichten, ihre Worte und die Begegnungen, die mich begleitet haben. Mit der Zeit wurde mir klar, dass all diese Begegnungen etwas gemeinsam hatten. Sie erzählten alle dieselbe Geschichte. Die Geschichte vom Dazugehören.
Ich denke an Alina aus Flieden. Als wir uns das erste Mal begegneten, war an ein Gespräch kaum zu denken. Sie war unsicher, ängstlich - jeder Satz schien zu viel zu sein. Auf dem Heimweg fragte ich mich, ob ich ihre Geschichte überhaupt erzählen könnte. Eine Woche später stand das Backmobil vor ihrer Einrichtung. Diesmal hatten wir Zeit. Wir lernten uns kennen - langsam und ohne Druck. Irgendwann begann Alina zu erzählen. Von Dingen, die sehr persönlich waren. Aus einer ersten Begegnung wurde Vertrauen. Heute freuen wir uns jedes Mal, wenn wir uns wiedersehen. Vielleicht beginnt Teilhabe genau hier: nicht erst, wenn Menschen gemeinsam einen Ausflug machen oder etwas Besonderes erleben. Sondern in dem Moment, in dem Vertrauen entsteht und aus einer Begegnung ein echtes Miteinander wird.
Später begegnete ich Sascha. Zwölf Jahre alt. Früher schlief er allein in einem Kellerzimmer. Vor seinem Fenster: eine Ziegelwand. Nachts hatte er Angst. Als er mir seine Geschichte erzählte, sprach er erstaunlich wenig über diese Zeit. Viel mehr beschäftigte ihn der Abschied aus seiner Kinderwohngruppe, in der er fünf Jahre gelebt hatte. Nicht sein Zimmer würde er vermissen. Nicht den Ort, sondern seine Freunde. Da wurde mir klar: Teilhabe bedeutet manchmal etwas ganz Einfaches - Menschen gefunden zu haben, die einem fehlen, wenn sie nicht mehr da sind.
In Mainz erzählte mir Chidara von einer Kindheit voller Gewalt. Doch der Satz, der mir bis heute nachgeht, ist ein anderer: “Hier ist einfach ein Zuhause für mich." Sechs Worte und doch steckt darin so viel Hoffnung, dass ich es damals kaum fassen konnte. Aus einem Mädchen, das selbst Schutz brauchte, ist eine junge Frau geworden, die Sozialpädagogin werden möchte. Nicht zuletzt, weil sie anderen Kindern das geben will, was sie selbst erfahren durfte: Sicherheit, Vertrauen und das Gefühl, irgendwo dazuzugehören. Vielleicht ist genau das Teilhabe: wenn aus einem Ort ein Zuhause wird - und aus eigener Erfahrung die Kraft entsteht, anderen etwas zurückzugeben.
Auch Katharina und Christoph Ferreau haben meinen Blick verändert. In ihrer familienintegrativen Hilfe leben Kinder nicht in einer Wohngruppe, sondern mitten im Familienalltag. Sie gehören dazu - nicht nur für eine bestimmte Zeit, sondern als Teil des täglichen Lebens. Ich fragte mich, ob es nicht leichter wäre, ein wenig Abstand zu halten. Sich nicht ganz so sehr zu binden. Schließlich könnte der Tag kommen, an dem ein Kind wieder gehen muss. Katharina lächelt nur kurz. “Nein”, sagte sie. “Das geht gar nicht.” Dieser Satz begleitet mich bis heute. Weil er für mich auf den Punkt bringt, was es bedeutet, Verantwortung zu übernehmen: nicht auf Zeit, nicht mit angezogener Handbremse, sondern mit ganzem Herzen.
Im Zechenhof in Nassenerfurth lernte ich Alexander kennen. Jahrzehntelang war sein Leben von der Suche nach dem nächsten Kick geprägt: Alkohol, Drogen und immer wieder die Flucht in den Rausch. Heute lebt Alexander in einer Wohngemeinschaft, in der er nicht mehr einfach funktionieren muss. Stattdessen bekommt er die Zeit und den Raum, die er braucht, um langsam wieder Vertrauen zu fassen - in andere und in sich selbst. Die Mitarbeitenden trauen ihm inzwischen so viel zu, dass er bereits in eine Außenwohngruppe ziehen durfte. Ein wichtiger Schritt auf seinem Weg in ein selbstbestimmteres Leben. Und plötzlich spricht Alexander über Dinge, die lange undenkbar schienen: über Arbeit. Über eine Partnerin. Vielleicht sogar über ein Kind. Über ein eigenes Zuhause. Später sitzt er auf der Terrasse und beobachtet die Hummeln. Es klingt nach einer Kleinigkeit. Für Alexander ist es eine Revolution, denn zum ersten Mal seit langer Zeit jagt er nicht mehr dem nächsten Rausch hinterher. Er beginnt, im Hier und Jetzt anzukommen und sich eine Zukunft vorzustellen.
Auf dem Hessentag in Fulda schloss sich für mich schließlich der Kreis. Der inklusive Chor “Vielklang” sang: “Alle Stimmen ein Chor, wir teilen uns die Melodie. Niemand geht hier verloren.” Als ich das Lied zum ersten Mal hörte, fand ich es einfach schön. Heute glaube ich, dass diese Zeilen all die Menschen beschreiben, denen ich in den vergangenen Monaten begegnet bin - und all das, was ich von ihnen lernen durfte. Sie alle haben mir gezeigt, was Teilhabe wirklich bedeutet. Und genau das macht Hephata jeden Tag möglich: Menschen nicht am Rand stehen zu lassen, sondern ihnen die Chance zu geben, mittendrin zu sein.
Ich bin als Geschichtenbäcker losgefahren, um Geschichten zu erzählen. Zurückgekommen bin ich mit einer Erkenntnis: Die Geschichten handeln nicht von Defiziten. Sie handeln davon, was entstehen kann, wenn ein Menschen nicht länger am Rand steht. Sondern mittendrin.
Die Geschichten von Alina, Sascha, Chidara oder Alexander zeigen: Teilhabe verändert Leben. Jeden Tag begleitet die Hephata Diakonie Menschen dabei, Vertrauen zu fassen, Gemeinschaft zu erleben und neue Perspektiven für die Zukunft zu entwickeln.
Mit Ihrer Spende helfen Sie dabei, genau dies Chancen zu schaffen und dort Unterstützung zu ermöglichen, wo sie gebraucht wird. Spenden Sie jetzt für Menschen, die nicht am Rand stehen sollen, sondern mittendrin.
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