
Zwischen den Zeilen steht ein Wir
Christina Rausch spricht selten über sich. Dafür umso mehr über die Menschen, mit denen aus vielen Plänen ein gemeinsames Großevent wird: die Hephata-Festtage!
Treysa – Christina Rausch wirkt erstaunlich ruhig für eine Frau, bei der an diesem Wochenende so ziemlich alles zusammenläuft. Seit Tagen wächst auf dem Hephata-Gelände aus Plänen Wirklichkeit. Stände stehen dort, wo vorher Kästchen auf Papier waren. Künstler kommen und gehen, Techniker verschwinden hinter Bühnen, irgendwo wird aufgebaut, anderswo schon nachgebessert. Dazwischen immer und überall Christina: zwei Handys, Wanderschuhe, die Stimme nach den ersten Tagen schon etwas angekratzt – und trotzdem eine bemerkenswerte Gelassenheit.
„Ich bin total entspannt gerade“, sagt sie. Wie sie das schafft? „Keine Ahnung.“ Man glaubt ihr beides.
Am Festwochenende ist der größte Teil der Vorbereitung längst in Bewegung übergegangen. Jetzt zeigt sich, was trägt – und was sich kurzfristig neu sortieren muss. Wenn ein Tenor am Tag seines Auftritts krankheitsbedingt absagt, hilft kein langes Erschrecken. Dann wird telefoniert, umgedacht, organisiert – und eine halbe Stunde später ist Ersatz gefunden. Als das bayerische Cowgirl Nicki dann auch noch kurzfristig ausfällt, springt Peggy March ein. So klingt Organisation in der Praxis: weniger nach Masterplan als nach der Fähigkeit, im richtigen Moment nicht den Kopf zu verlieren.
„Das war ungefähr der 300. Anruf für diese Woche.“
Während unseres Gesprächs klingelt schnell eines der Handys. Christina geht ran. Ein Anrufer braucht Orientierung. Sie erklärt ihm den Weg, schickt ihn zum richtigen Kollegen im Backstagebereich, legt auf und sagt fast beiläufig: „Das war ungefähr der 300. Anruf für diese Woche.“ Dann reden wir weiter.
Die 45-Jährige berichtet von den letzten Festtagen, als sie mit ihrer Mutter einmal über das Gelände gehen und etwas essen wollte. Eine Stunde brauchten die beiden dafür. „Frau Rausch hier, Frau Rausch da“, sagt sie und fügt mit einem Augenzwinkern hinzu: „Die finden einen echt überall.“ Diesmal probiert sie es erst gar nicht. Vom eigentlichen Fest bekomme sie ohnehin kaum etwas mit, sagt Christina. Nur kurz war sie unten im Biodorf, einmal „die Stimmung checken“. Dann ging es weiter. Dabei bewegt sie sich mehr über dieses Gelände als vermutlich die meisten Besucher. Ihre Uhr liefert den nüchternen Beweis: rund 25.000 Schritte an solchen Tagen. Joggen muss sie an diesem Wochenende nicht mehr.
Wer so oft von A nach B läuft, ist selten zufällig unterwegs. Christina wird gerufen, gesucht, angesprochen – und landet damit fast zwangsläufig im Zentrum dieser großen Festmaschinerie. Man könnte sie zur heimlichen Chefin der Festtage erklären. Nur Christina selbst würde diesen Titel vermutlich keine drei Sätze lang stehen lassen.
Denn sobald man mit ihr über ihre Arbeit spricht, passiert etwas Auffälliges. Vielleicht merkt sie es selbst gar nicht: Sie erzählt von den anderen. Von ihrem Chef Johannes, der sich um Künstlerbooking und Programm kümmert. Von den Kollegen aus der Technik. Von den Pädagogen. Von Menschen, die zum Teil seit Jahrzehnten bei Hephata arbeiten und einen Erfahrungsschatz mitbringen, den kein Ablaufplan ersetzen kann. Christina nennt sie „die Experten“.
Ein Fest soll sich für die Besucher leicht anfühlen.
Dahinter steckt mehr als Bescheidenheit. Die Eventmanagerin vertraut den Menschen um sich herum – und darauf, dass aus ganz unterschiedlichen Fähigkeiten am Ende etwas Gemeinsames entsteht. Denn ihr eigener Verantwortungsbereich ist groß genug. Die komplette Infrastruktur der Festtage liegt bei ihr. Sie plant Flächen, Zufahrten und Garderoben, koordiniert Auf- und Abbau, Einlass und Sicherheitsdienst. Im Hintergrund steht ein rund 20-seitiges Sicherheitskonzept. Ein Fest soll sich für die Besucher leicht anfühlen. Damit das gelingt, muss hinter den Kulissen an sehr vieles gedacht werden – vom Jugendschutz bis zu möglichen Krisensituationen.
Dass Christina einmal so selbstverständlich in dieser Welt aus Lageplänen, Sicherheitsfragen und Veranstaltungslogistik stehen würde, war nicht vorgezeichnet. Sie hat Germanistik studiert, als Redakteurin bei einer Tageszeitung gearbeitet und kam 2019 in die Hephata-Öffentlichkeitsarbeit. Das Eventmanagement samt Festtagen kam später dazu. Doch wie arbeitet man sich in eine solche Mammutaufgabe hinein? „Man macht einfach.“ Bei Christina heißt das: hinschauen, sich in neue Themen reinfuchsen und fragen, wer sich womit auskennt, wenn man selbst an Grenzen stößt. So wird aus Organisation auch die Kunst, die richtigen Menschen zusammenzubringen. Nicht einer weiß alles. Aber irgendwo ist jemand, der genau das weiß, was gerade gebraucht wird.
Und dann sind da noch die Kolleginnen und Kollegen der Öffentlichkeitsarbeit. „Unser Team ist der Knaller.“ Bei kaum einem Satz an diesem Nachmittag wird Christina so schnell so eindeutig. Sie erzählt von zwei Kolleginnen, die normalerweise in Mediengestaltung und Spendenbuchhaltung arbeiten – und während der Festtage plötzlich 6000 Becher spülen. Andere tragen, bauen, holen, bringen, springen ein. Auch Christina selbst: erst Bauzäune schleppen, dann Speisekarten schreiben, zwischendurch noch die regennassen Stühle trockenwischen, bevor die Besucher zur Gala kommen. „Alles, was anfällt, wird halt gemacht.“
Ein Käsebrot als Hightlight des Tages
Es sind solche Sätze, in denen dieses Fest plötzlich seine zweite Seite zeigt. Vorn Bühnen, Künstler, Musik, Menschen. Dahinter Becher, Bauzäune, nasse Stühle, lange Wege über das Gelände und Telefone, die selten lange schweigen. Das eine kann nur glänzen, weil das andere kaum jemand sieht. Und manchmal besteht der Luxus eines solchen Tages aus etwas sehr Überschaubarem. Einem Käsebrot zum Beispiel. „Mein Highlight am Freitag“, sagt Christina und lacht.
Der eigentliche Lieblingsmoment kommt für sie aber dann, wenn plötzlich vor ihr steht, was so lange nur aus Plänen, Listen, Telefonaten und Absprachen bestand. Dann geht Christina einmal über das Gelände, von oben bis unten. Aus Linien sind Wege geworden, aus eingezeichneten Flächen Stände, aus Vorbereitung ein Fest. „Dann denkst du so: Jetzt kann die Party kommen.“
Ausgerechnet von der Party selbst bekommt sie oft nur Ausschnitte mit. Während andere feiern, läuft sie weiter. Und selbst in einem Moment, in dem es einmal ausdrücklich um sie gehen soll, richtet sich ihr Blick schon wieder auf die anderen. Wir brauchen noch ein Foto für diese Geschichte. Die Bühne wäre ein guter Ort dafür. Christina möchte trotzdem nicht rauf ins Rampenlicht. Dort machen gerade die Fäaschtbänkler ihren Soundcheck, und den sollen sie in Ruhe machen können. Vor der Bühne? „Gern, aber bitte so, dass die Künstler nicht mit aufs Bild kommen.“ Es ist nur eine kleine Szene. Aber sie passt erstaunlich gut zu allem, was Christina zuvor erzählt hat.
Beendet sind die Festtage für sie da noch lange nicht. Schluss ist erst, wenn in der kommenden Woche das letzte Teil abgebaut, weggebracht und wieder dort angekommen ist, wo es hingehört. Dann hat die Cheforganisatorin der Festtage drei Wochen Urlaub. „Ohne Menschen“, sagt sie und lacht. Bis dahin bleiben die Wanderschuhe an und die Handys griffbereit. Und Christina Rausch dort, wo sie an diesen Tagen fast immer ist: mittendrin – und trotzdem nie wichtiger als die anderen.