Ein Haus für den nächsten Schritt
Klingenberg am Main – In der Küche wird gemeinsam gekocht, auf der Arbeitsplatte steht ein Erdbeerkuchen, später sitzen alle zusammen am Tisch. Es sind solche Momente eines ganz normalen Tages, in denen sich zeigt, worum es im Haus Bickenbach geht: Alltag zurückgewinnen. Nicht spektakulär – aber entscheidend.
Hier werden Menschen begleitet, die nach psychischen Krisen oder Abhängigkeitserkrankungen neu beginnen wollen. Viele kommen hierher zunächst, um zur Ruhe zu kommen. Um wieder anzukommen. Und manchmal auch, um überhaupt erst wieder ein Gefühl dafür zu entwickeln, wie sich „Zuhause“ anfühlt – ein Ort, der nicht überfordert, sondern trägt.
Dann beginnt ein Prozess in kleinen Schritten. Einkaufen. Kochen. Termine wahrnehmen. Neue Menschen kennenlernen. Alte Interessen wiederentdecken oder neue entdecken. Post öffnen. Behördengänge bewältigen. Den Tag strukturieren. Verantwortung für den eigenen Rhythmus übernehmen. „Alltag pur“, sagt Einrichtungsleiterin Stefanie Kruse. Genau darin liege die eigentliche Arbeit. Und dabei natürlich abstinent bleiben, Gelerntes aus der Therapie im Alltag ausprobieren und etablieren
Wohntraining bedeutet im Haus Bickenbach in der Wilhelmstraße nicht Anpassung an ein fertiges Modell, sondern ein gemeinsames Suchen nach dem eigenen Weg. Hilfe zu erkennen, Hilfe anzunehmen und schließlich auch Hilfe einzufordern – das sei oft der schwierigste Teil. Wer ihn geht, beginne häufig neu zu erleben: Ich kann etwas. Ich schaffe etwas. Ich bin nicht wertlos. Und irgendwann kommt sogar das Lachen zurück. Dann entsteht Schritt für Schritt wieder Zutrauen in die eigene Handlungsfähigkeit.
Das Haus selbst bleibt bewusst überschaubar. Einzelzimmer, Gemeinschaftsküche, Garten, Terrasse – und dazu die Räume und Angebote der Tagesstätte. Orte, an denen Struktur entstehen kann, ohne Druck zu erzeugen. Bewohner richten ihre Zimmer selbst ein, probieren sich im Alltag aus, übernehmen Verantwortung für kleine Aufgaben. Vieles beginnt beiläufig und wächst mit der Zeit. Auch Kontakte nach außen gehören dazu: Spaziergänge im Ort, gemeinsame Aktivitäten, Begegnungen im Alltag jenseits der Einrichtung. So entsteht langsam wieder ein Platz im eigenen sozialen Umfeld.
Dabei steht nicht die Diagnose im Mittelpunkt, sondern der Mensch. „Wertschätzung geben, auf Augenhöhe begegnen und den Mensch als Mensch sehen“, beschreibt Kruse die Haltung ihres Teams. Jeder bringe seine eigene Geschichte mit – und seine eigene Geschwindigkeit. Entscheidend sei, Vertrauen wachsen zu lassen und Mut für den nächsten Schritt zu entwickeln. Und zu erleben, dass Entwicklung möglich bleibt – unabhängig davon, wie schwierig der Ausgangspunkt war.
Was daraus entstehen kann, zeigt sich immer wieder. Menschen, die nach schweren Krisen kommen, machen später den Führerschein, ziehen in eine eigene Wohnung, nehmen wieder Arbeit auf. Dann wird aus Stabilisierung ein neuer Lebensentwurf. Eine Begleitung kann auch darüber hinaus erfolgen. „Dies ist oft ein kleiner Anker in den Herausforderungen des Lebens“, so Kruse.
Und irgendwann kommt der Moment, der im Haus Bickenbach als stiller Erfolg gilt: Wenn jemand gehen kann. Nicht weil er muss – sondern weil er die Unterstützung nicht mehr braucht.
