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Mit dickem Fell und neuen Zielen im Backmobil

Schwalmstadt-Treysa - Der Duft von warmem Apfelkuchen hängt in der Luft, draußen kriecht die Kälte über den Hof des BJBQ. Menschen wärmen sich die Hände an Kaffeebechern, reden durcheinander, lachen. Und mittendrin steht Sean im Backmobil, drückt konzentriert die Hände in den Teig, knetet, formt, schaut kurz auf und grinst. Für die meisten Besucher ist das hier einfach die nächste Station der Hephata-Roadshow. Für ihn ist es etwas anderes, denn er hat dieses Backmobil selbst mit aufgebaut. „Das ist schon ein geiles Gefühl“, sagt der 21-Jährige.

Man merkt schnell: Für Sean geht es an diesem Tag um mehr als Kaffee und Kuchen. Das Backmobil ist für ihn ein sichtbarer Beweis dafür, dass aus vielen einzelnen Handgriffen irgendwann etwas Ganzes werden kann. Und er merkt: Vielleicht ist das beim Leben gar nicht so anders.

Sean lebt im BJBQ in Schwalmstadt-Treysa, dem Betreuten Jugendwohnen mit beruflicher Qualifizierung. Er macht bei Hephata eine Ausbildung zum Schreiner. Zweites Lehrjahr. Wenn er über Holz, Maschinen oder Werkstattarbeit spricht, verändert sich seine Stimme. Sie wird sicherer. Das war nicht immer so. „Auf dem ersten Arbeitsmarkt wäre ich nicht zurechtgekommen“, sagt er offen. Wegen seiner Lernschwäche. Vor allem Lesen sei früher schwierig gewesen, komplizierte Begriffe, neue Formulierungen, Briefe von Behörden oder Krankenkassen. Dinge, die für andere selbstverständlich wirken, wurden für ihn schnell zu Barrieren.

Ein Gefühl, angreifbar zu sein

Schon in der Schule hatte er damit zu kämpfen. Und mit etwas anderem: dem Gefühl, angreifbar zu sein. Wegen seines Übergewichts wurde er gemobbt. Immer wieder. Sean erzählt das ohne Bitterkeit. Vielleicht, weil er sich früh etwas zulegen musste, das schützt. „Harte Schale, weicher Kern“, sagt er über sich selbst und grinst kurz.

Seit rund zehn Jahren lebt er inzwischen in Einrichtungen von Hephata. Erst in einer Kinderwohngruppe in Weilburg, später im BJBQ in Schwalmstadt-Treysa. Mehr als sein halbes Leben verbringt er inzwischen an Orten, die ihm etwas gegeben haben, das vorher oft gefehlt hat: Struktur. Verlässlichkeit. Menschen, die geblieben sind. Dass er heute hier steht, hat auch damit zu tun. Mit Ausbildern, die erklären, motivieren und verstehen, dass manche Dinge länger dauern. „Die wissen halt, wie ich ticke“, sagt er. Dieser Satz fällt beiläufig, erzählt aber fast alles. Denn genau darum geht es hier oft: nicht darum, Defizite wegzureden, sondern Räume zu schaffen, in denen Menschen trotzdem ihren Weg finden können.

Sean hat ihn gefunden. Schritt für Schritt. Erst ein Praktikum im Garten- und Landschaftsbau, später eine berufsvorbereitende Reha, dann die Ausbildung zum Schreiner mit Ausbau des Backmobils. Holz zuschneiden, montieren, Lösungen finden. Handwerk eben. Etwas Praktisches. Etwas, das bleibt.

Dankbar, aber ohne sich selbst kleinzureden

Jetzt steht er zum ersten Mal selbst in der rollenden Backstube und knetet Teig, fast beiläufig, während er erzählt. Sean denkt kurz nach, als es um die Frage geht, wie viel Anteil Hephata an seinem Weg hat. Dann sagt er: „60 Prozent Hephata. 40 Prozent ich selbst.“ Und wahrscheinlich beschreibt kaum ein Satz besser, wie er auf die vergangenen Jahre blickt: dankbar, aber ohne sich selbst kleinzureden. Auch das passt zu ihm. Nicht alles abgeben. Aber anerkennen, dass man Unterstützung gebraucht hat.

In eineinhalb Jahren möchte Sean zurück nach Südhessen ziehen, näher zu seiner Familie. Mit Gesellenbrief. Mit Berufserfahrung. Und mit dem festen Willen, seinen Platz auf dem ersten Arbeitsmarkt zu finden.

Er drückt noch einmal beide Hände in den Teig, schaut kurz nach draußen und lächelt. Vielleicht ist genau das das Schönste an diesem kalten Roadshow-Tag: dass jemand, der lange dachte, nicht richtig mitzukommen, plötzlich mitten in etwas steht, das ohne ihn gar nicht da wäre.