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Wo Hände arbeiten und Gedanken leiser werden

Treysa – Der Karton knickt leise, fast widerstandslos. Ein sauberer Falz, ein kurzer Druck mit der Handfläche – und plötzlich liegt da eine Mappe, die eben noch keine war. Es ist keine große Geste, kein spektakulärer Moment. Und doch entsteht hier etwas, Schicht für Schicht, Handgriff für Handgriff.

Ich, der Geschichtenbäcker, werde heute zum Praktikanten. Praktikant von Carsten Berg, und der zeigt mir, worauf es ankommt. „Hier genau anlegen“, sagt er, ruhig, konzentriert. Seit 2017 arbeitet er in der Für Uns Manufaktur. Davor, erzählt er, saß er zu Hause. Frührentner, die Tage ohne Struktur, ohne Aufgabe. „Mir ist die Decke auf den Kopf gefallen.“ Ein Satz, der schnell gesagt ist – und doch diesen dumpfen Stillstand trägt, dieses Kreisen im Kopf, das immer enger wird, je weniger von außen kommt.

Er spricht offen über das, was zusammenkam: Beziehungsaus, Depression, ADHS, posttraumatische Belastungsstörung, Angstzustände. Und Panikattacken, die plötzlich da sind. „Ich dachte, ich sterbe gleich.“ Notruf, Kontrolle, Entwarnung – und trotzdem bleibt etwas zurück: die Angst vor der nächsten Attacke. Die berühmte Angst vor der Angst.

Etwas, das den Kopf wieder sortiert

Wir falten weiter. Eine Mappe, noch eine. Die Bewegung wiederholt sich, wird gleichmäßiger, fast beruhigend. Was sich verändert hat, erzählt er nicht als großen Bruch. Eher als Reihe kleiner Entscheidungen. Weniger schlechte Nachrichten. „Gar keine mehr, eigentlich.“ Dinge weglassen, die ihn runterziehen. Menschen auch. Stattdessen rausgehen, Musik hören – Trance, Hardstyle. Etwas, das den Kopf wieder sortiert, wenn er zu laut wird. Und vor allem: hierherkommen. Auch an Tagen, an denen es schwerfällt. „Wenn ich zu Hause bleibe, wird es schlimmer.“ In der Für Uns Manufaktur trifft er auf Menschen, die ihn verstehen. Die sagen: Ist in Ordnung. Die nicht fragen, warum etwas heute nicht geht, sondern ermöglichen, dass es trotzdem irgendwie geht.

Carsten hat sich hier Stück für Stück wieder hineingearbeitet. Erst Eingliederung, dann Berufsbildungsbereich, jetzt Arbeitsbereich in der Buchbinderei. Es tue ihm gut, sagt er. „Am Ende des Tages hat man was geleistet“, sagt er irgendwann, fast nebenbei, während er die nächste Mappe sauber ausrichtet. Es ist ein schlichter Satz, aber er verändert den Raum. Weil er etwas zurückholt, das lange gefehlt hat: Sinn.

Seit 2021 keinen Tropfen Alkohol mehr

Früher, sagt er, hat er viel getrunken. Aus Langeweile, aus Unruhe, aus dem Versuch heraus, Gedanken leiser zu machen. Seit August 2021 keinen Tropfeen Alkohol mehr. „Bis heute trocken.“ Auch das sagt er, ohne es größer zu machen, als es ist. Eher wie eine Feststellung.

Der Karton knackt erneut unter meinen Fingern. Diesmal sitze ich näher dran, treffe die Kante besser. Carsten nickt kurz. Kein großes Lob, eher ein stilles Einverständnis. Draußen läuft die Roadshow weiter, irgendwo wird gelacht, irgendwo duftet es nach Kuchen. Hier drinnen falten wir Mappen. Und während sich Karton auf Karton legt, entsteht etwas, das sich nicht greifen lässt: ein Rhythmus, der trägt. Eine Form, die hält. Vielleicht ist es genau das, was dieser Ort kann. Dinge zusammenbringen, die vorher lose waren. Nicht spektakulär. Nicht laut. Aber so, dass es am Ende passt.