
Wo ein Selfie mehr ist als nur ein Foto
Schon beim Aussteigen ist klar: Hier wartet niemand ab. Hier passiert Begegnung sofort. Namen werden gerufen, Fragen gestellt – und dann plötzlich dieser Wunsch, der mich selbst überrascht: ein Selfie mit dem Geschichtenbäcker. Noch eins. Und noch eins. Eine ungewohnte Situation. Eine, an die man sich gewöhnen könnte. Das Backmobil ist kaum aufgebaut, da stehen die ersten schon bereit. Manche wollen wissen, was heute gebacken wird. Andere helfen einfach mit. Wieder andere übernehmen ganz selbstverständlich Aufgaben, die sonst niemand verteilt hat: Getränke holen, Teller tragen, Gäste versorgen. Es dauert nicht lange, bis aus einem Besuch ein gemeinsamer Nachmittag wird.
Das Quartier Neustadt bietet Wohn- und Lebensmöglichkeiten für Menschen mit Beeinträchtigung mit leichtem bis hohem Unterstützungsbedarf – für viele über einen langen Lebensabschnitt hinweg. Wer hier lebt, arbeitet meist in der Werkstatt für behinderte Menschen oder nimmt an anderen tagesstrukturierenden Angeboten teil. Was das bedeutet, lässt sich an diesem Tag nicht über Konzepte erklären. Man sieht es in Begegnungen.
Persönliche Karla Kolumna
Gut, dass ich Unterstützung habe. Leonie Neubert ist dabei, Mitarbeiterin im Betreuungsdienst – und offensichtlich jemand, der hier nicht nur arbeitet, sondern dazugehört. Schon bei meinem Vorabbesuch war mir aufgefallen, wie kreativ sie ist. Also bekommt sie kurzerhand die Geschichtenbäckermütze aufgesetzt und wird meine persönliche Karla Kolumna. Kamera an, Mikro an, mittendrin. Heraus kommt ein kleines Filmchen mit ihrem ganz eigenen Blick von innen.
„Ich begleite die Klienten im Alltag“, sagt sie. „Aufräumen, Wäsche waschen, einkaufen – bei allem Möglichen halt, was ansteht. Das ist ja auch bei jeder Person individuell.“ Und wie individuell das ist, merkt man schnell. Manche sprechen viel, andere kaum. Manche verständigen sich über Worte, andere über Gesten, Blicke oder kleine Veränderungen im Gesicht. „Man sieht es eigentlich schon beim Essen“, sagt Leonie. „Dann wird das Gesicht verzogen, dann weiß man: schmeckt jetzt nicht.“
Was ihre Arbeit trägt, ist an diesem Tag überall zu sehen. Immer wieder sucht jemand den Kontakt, möchte helfen, möchte dazugehören. Beim Teig rühren stehen plötzlich mehrere Hände bereit. Gemüse für den Flammkuchen wird mit sichtbarem Ernst geschnippelt. Und zwischendurch dieses Lachen – leicht, offen, ansteckend. „Der Lohn ist einfach die Dankbarkeit“, sagt Leonie. „Und Humor ist bei allem irgendwie auch ganz wichtig. Nicht nur für uns Mitarbeiter, sondern wirklich auch für die Klientinnen und Klienten. Die machen jeden Spaß mit.“
Viel mehr als Versorgung
Dass es hier nicht nur um Versorgung geht, sondern um Beziehung, wird in diesen Momenten spürbar. Und auch, dass der Alltag nicht immer leicht ist. Konflikte gehören dazu. Krisen auch. Erkrankungen wie Epilepsie verlangen Aufmerksamkeit. „Es ist jeden Tag aufs Neue die Frage: Was braucht der Klient oder die Klientin?“, sagt Leonie. Und trotzdem bleibt ihr Satz stehen: „Ich liebe das einfach, Menschen glücklich machen zu können und ihnen etwas zu ermöglichen.“
Das Backmobil passt genau in diese Haltung. Es bringt nicht nur Kuchen, Waffeln und Flammkuchen mit. Es bringt Bewegung in den Tag. Gespräche entstehen, Stühle rücken zusammen, jemand zeigt stolz, was er vorbereitet hat, jemand anderes freut sich einfach darüber, dass heute so viele Menschen da sind. „Die lieben den Trubel“, sagt Leonie. „Es ist mal was anderes. So ein bisschen aus dem Alltag rauskommen.“ Auch Hephata-Vorstand Maik Dietrich-Gibhardt ist an diesem Nachmittag dabei, nimmt sich Zeit für Gespräche und Begegnungen – und erlebt selbst, wie schnell aus einem Programmpunkt ein gemeinsamer Tag wird.
Besonders nach klingt ein Gedanke von Einrichtungsleiterin Sandra Uhrig. Dass man Glück nicht daran messen darf, was jemand kann oder nicht kann. Nicht daran, ob jemand laufen kann oder sprechen. „Wir dürfen da nicht immer von uns ausgehen“, sagt sie. Vielleicht war genau das der leise Kern dieses Tages: zu sehen, wie viel entsteht, wenn Menschen Zeit füreinander haben – und Aufmerksamkeit. Beides ist im Quartier Neustadt ganz selbstverständlich. Und irgendwo zwischen Flammkuchen, Gesprächen und diesem vielen Lachen fragt am Ende wieder jemand: „Machen wir noch ein Selfie?“









