
Wenn irgendwo nichts mehr geht, dann kommt Uwe Dieditz
Wie Arbeit, Verantwortung und ein neues Zuhause einem 62-Jährigen halfen, den Alkohol hinter sich zu lassen
Breitenbach am Herzberg – Wenn irgendwo nichts mehr geht, dann kommt Uwe Dieditz. Zumindest sagen sie das hier über ihn. Im Haus im Burggarten kennt ihn jeder. Der eine braucht Hilfe beim Schreiben eines Antrags, der nächste hat Ärger in der Werkstatt, irgendwo muss etwas organisiert oder angesprochen werden. Und meistens dauert es nicht lange, bis der 62-Jährige auftaucht. Ruhig. Direkt. Zuständig.
Vielleicht wirkt er deshalb auf den ersten Blick auch gar nicht wie jemand, der einmal fast alles verloren hätte. Nicht wie jemand, dessen Leben über Jahrzehnte vom Alkohol bestimmt wurde. Nicht wie jemand, der irgendwann mit beginnender Leberzirrhose, Zittern und völliger Erschöpfung an einem Punkt ankam, an dem Ärzte ihm deutlich machten: So kann es nicht weitergehen.
„Ich musste aufhören, das war meine letzte Chance“, sagt er heute ganz ruhig. Und das berührt an diesem Gespräch so sehr: Dass hier keiner sitzt, der seine Vergangenheit verklärt oder dramatisiert. Uwe Dieditz spricht über den Alkohol, als hätte er irgendwann aufgehört, sich selbst etwas vorzumachen. Angefangen habe alles schleichend, erzählt er. Nach dem frühen Tod seiner Eltern. Mit falschen Freunden. Mit Schnaps und Bier. Erst ein bisschen. Dann immer mehr.
„Plötzlich war sie da“, sagt er – und meint die Sucht. Er habe trinken wollen, um ruhiger zu werden. Um den Kopf leiser zu machen. Stattdessen wurde irgendwann alles schlimmer. Mittlerweile lebt Dieditz seit zehn Jahren im Haus im Burggarten in Breitenbach am Herzberg. Einer Einrichtung für Menschen mit psychischen Erkrankungen oder Suchterkrankungen, die Unterstützung im Alltag brauchen. Und wenn man ihm zuhört, versteht man schnell, warum ein Wort in seinem Leben so wichtig geworden ist: Struktur. Denn Stillstand scheint für ihn bis heute gefährlich zu sein.
Wohl auch deshalb engagiert er sich so sehr. Er ist aktiv im Gesamteinrichtungsbeirat, Vorsitzender des Heimbeirats. Werkstattrat. Sicherheitsbeauftragter. Ansprechpartner für andere Bewohner. Einer, der zuhört, vermittelt, diskutiert, manchmal auch unbequem wird. „Ich verstehe die Probleme der anderen“, sagt er. Weil er vieles selbst erlebt habe. Und weil er genau weiß, wie schnell Menschen abstürzen können, wenn niemand mehr hinsieht.
Besonders stolz ist er auf seine Arbeit in der Schreinerei. Sägen, fräsen, mit Maschinen arbeiten, Dinge reparieren. Arbeiten mit Holz. Etwas schaffen. Etwas können. Es ist spürbar, wie wichtig ihm das ist. Nicht nur als Beschäftigung. Sondern als Haltung gegen das Aufgeben. „Die Arbeit hilft mir“, sagt er. „Die lenkt ab.“ Und man glaubt ihm sofort, dass genau darin ein großer Teil seiner Rettung liegt. Denn auf die Frage, ob er ohne das Haus im Burggarten und ohne seine Aufgaben wieder trinken würde, antwortet er keinen Moment zögernd: „Auf alle Fälle.“
Dann sitzt er da, zwischen Dartscheibe, Videorekorder und all den Dingen, die sein Leben heute ausmachen. Und es wird klar, wie viel Kraft es braucht, nach so vielen Abstürzen wieder Verantwortung für andere zu übernehmen. Genau das beeindruckt an Uwe Dieditz: Dass er sich nicht über seine Vergangenheit definiert. Sondern darüber, gebraucht zu werden. Für Mitbewohner im Haus im Burggarten. Für Kollegen in der Werkstatt. Für Menschen, die jemanden suchen, der ihre Sorgen versteht.
Später stellt er sich fürs Foto neben seine geliebte Dartscheibe. Ganz selbstverständlich. Stolz, dass er so offen über seine Geschichte gesprochen hat. Und ein bisschen verlegen. Vorher hatte er noch gewitzelt: „Ach du Schreck, wenn ich in dem Blog drin bin, denkt jeder: Da ist er schon wieder.“ Dann grinst er. Und man spürt schnell, warum hier so viele sagen: Wenn irgendwo nichts mehr geht, dann kommt Uwe Dieditz.








