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Alle unter dem einen Himmel

Grüne Kapelle unweit des Brüderhauses eingeweiht

 

Treysa – Während Menschen auf frisch gebauten Holzbänken Platz nehmen, Liedblätter verteilen und zwischen den Bäumen nach einem Schattenplatz suchen, singen die Vögel einfach weiter. Aus den Kronen über der Lichtung fällt ihr Zwitschern in die Pausen zwischen den Liedern. Das Gras raschelt unter Schritten. Ein leichter Wind streicht durch die Blätter. „Wir sind zu Gast bei den Vögeln“, sagt Stefan Zeiger, Geschäftsführer der Diakonischen Gemeinschaft.

Es ist ein Satz, der erstaunlich gut zu diesem Ort passt. Denn die Grüne Kapelle, die an diesem Tag offiziell eröffnet wird, ist keine Kapelle im klassischen Sinn. Keine Mauern. Keine Fenster. Kein Kirchturm. Ihr Dach besteht aus einem Blättermeer. Ihr Gewölbe spannt sich von Baumkrone zu Baumkrone. Und über allem liegt das, was Zeiger immer wieder beschreibt: der eine Himmel.

Ein Himmel für alle. Für Menschen mit unterschiedlichen Lebensgeschichten. Für Menschen verschiedener Religionen. Für diejenigen, die glauben. Für diejenigen, die suchen. Für diejenigen, die einfach nur einen Ort brauchen, um einen Moment still zu werden. 

Ein vergessener Ort

Vor zwei Jahren war davon noch nichts zu sehen. Meterhohe Brennnesseln überwucherten die Lichtung. Unrat lag zwischen den Bäumen. Ein vergessener Ort, sagt Zeiger. Einer jener Flecken, an denen man vorbeigeht, ohne stehenzubleiben.

Heute sitzen hier mehr als hundert Menschen. Sie hören Alphörner zwischen den Bäumen. Sie singen von einem Himmel, der die Erde berührt. Sie lauschen Texten über Frieden, Vielfalt und Würde. Und immer wieder fällt dieser eine Gedanke: Unter dem einen Himmel sind wir verbunden. Nicht weil wir gleich sind. Sondern weil wir verschieden sind.

Dass dieser Ort heute existiert, verdankt er vielen Händen. Menschen aus Werkstätten, Ausbildungsbereichen und Wohngruppen haben Wege angelegt, Holz verarbeitet, Metall bearbeitet, Pflanzen gesetzt und Ideen Wirklichkeit werden lassen. Die Grüne Kapelle ist das Ergebnis gemeinsamer Arbeit – und genau deshalb passt sie so gut zu dem Gedanken, für den sie stehen soll. Auch die Vizepräsidentin des Hessischen Landtags, Dr. Daniela Sommer, würdigte die Kapelle als Ort der Begegnung und Offenheit und brachte eine Förderung des Landes in Höhe von 500 Euro aus Lottomitteln mit. Stefan Zeiger freute sich über die prominente Unterstützung für das Projekt. Für den Initiator ist die Grüne Kapelle vor allem ein Ort, an dem Menschen zur Ruhe kommen, einander begegnen und sich willkommen fühlen dürfen.

Eine Geschichte führt weit zurück

Doch selbst an einem Tag, an dem so viel Neues gefeiert wird, führt eine der schönsten Geschichten weit zurück. 1906 wurden zwei Bronzeglocken in den Kirchturm gehängt. Im ersten Weltkrieg wurde die große Glocke durch eine Stahlglocke ersetzt. 2003 musste Sie aus Sicherheitsgründen den Dienst beenden. Eine neue Bronzeglocke wurde gegossen und den Turm gehängt.

Nachdem Bruder Peter Benecke, damals Bereichsleiter in der Behindertenhilfe, die ausgemusterte Stahlglocke gerettet hat und diese ein Jahr lang bei ihm im Garten stand, kam die Glocke auf Bitte von Brüdern der Diakonischen Gemeinschaft wieder zurück nach Hephata. Ein neuer Standort wurde zunächst nicht gefunden. Nachdem die Glocke 20 Jahre in einer Garage verschwunden war und sich niemand mehr an sie erinnerte, wurde sie vom Geschäftsführer der Diakonischen Gemeinschaft wiederentdeckt. Es wurde zu einem Herzensprojekt, die Glocke wieder zu restaurieren und in einem kleinen Glockenturm am Eingang der Grünen Kapelle aufzustellen. Fast so, als habe sie all die Jahre auf genau diesen Platz gewartet.

Glocke hat würdigen Ort gefunden

Wenn Peter Benecke heute zu ihr hinaufschaut, klingt Dankbarkeit in seinen Worten. Die Glocke, sagt er, habe nun einen würdigen Ort gefunden. Einen schöneren vielleicht, als sie ihn jemals in seinem Garten hätte bekommen können.

So treffen sich an diesem Nachmittag zwei Geschichten. Die eine erzählt von einem Ort, der aus Brennnesseln entstanden ist. Die andere von einer Glocke, die dem Vergessen entkam. Beide handeln vom selben Gedanken. Dass nicht alles, was aufgegeben scheint, verloren ist. Dass Menschen Orte retten können. Erinnerungen. Geschichten. Vielleicht sogar einander.

Über der Lichtung singen noch immer die Vögel. Und über ihnen spannt sich derselbe Himmel, von dem an diesem Nachmittag so oft die Rede war. Der eine Himmel. Groß genug für eine Glocke, die beinahe verloren gegangen wäre. Groß genug für Menschen mit ganz unterschiedlichen Geschichten. Und groß genug für all jene, die hier künftig unter den Bäumen zusammenkommen werden.