
Wenn „Dieter“ auftaucht, wird vieles schwerer
Wie aus Angst, Pferdeliebe und einer „Bibi Blocksberg“ ein ganz besonderes Vertrauen entstand
Flieden – Erst ist da nur Angst. Sie sitzt tief in den Schultern, flackert in den Augen, lässt den Körper unruhig werden. Als der fremde Geschichtenbäcker vergangene Woche zum ersten Mal den Wohnverbund Flieden besucht, wirkt Alina fast, als würde sie am liebsten verschwinden wollen. Jede neue Stimme scheint zu laut. Jede Bewegung zu nah. Und dann passiert etwas, das man wahrscheinlich schnell übersehen würde, wenn man nicht genau hinschaut.
Mitarbeiterin Maxima Kühn tritt wortlos neben sie. Legt ihr schützend die Hand auf den Kopf. Zieht sie sanft in den Arm. Nicht hektisch. Nicht auffällig. Eher so, als wäre diese Bewegung längst selbstverständlich geworden. Als wüsste sie genau, wann Alina Halt braucht, noch bevor Alina selbst es sagen kann. Es ist einer dieser kleinen Momente, die sich festsetzen.
Eine Woche später sitzt Alina ganz offen im Hof des Wohnverbunds vor dem Aufnahmegerät. Das Sprechen fällt ihr schwer, aber sie versucht es hartnäckig. Es braucht ein wenig, aber es funktioniert. Auf dem Schoß ihr Lieblingskuscheltier, die Beine untergezogen, manchmal fast wie ein kleines Mädchen. Doch dieser Eindruck hält nur Sekunden. Denn sobald sie ein wenig entspannter wird, merkt man schnell: Da sitzt eine junge Frau, aufmerksam, humorvoll, wach. Und clever. Eine, die genau weiß, was sie erlebt hat. Und die möchte, dass ihre Geschichte verstanden wird.
Maxima hilft „sehr viel”
Sie erzählt von Pferden, die sie so sehr liebt. Von ihrem Elektrorollstuhl, von Ausflügen und davon, wie froh sie ist, Maxima an ihrer Seite zu haben, seit sie Anfang 2024 hier eingezogen ist. „Ganz viel“, sagt sie leise auf die Frage, wie sehr ihr die Sozialpädagogin im Alltag hilft. Mehr Worte braucht es eigentlich nicht. Denn zwischen den beiden ist längst etwas entstanden, das sich kaum in pädagogische Konzepte übersetzen lässt.
Vertrauen.
Vielleicht hat ein Faschingskostüm einen wichtigen Teil dazu beigetragen. Maxima war einmal als Bibi Blocksberg verkleidet. Alina liebt Bibi Blocksberg. Seitdem nennt sie die 23-Jährige manchmal einfach nur noch ihre „Bibi“. Gemeinsam „hexen“ sie böse Gedanken weg, sagen sie lachend.
Was zunächst verspielt klingt, bekommt eine ungeheure Tiefe, sobald Alina von ihrer Vergangenheit berichtet. Von einer früheren Wohngruppe. Von Erfahrungen, die tiefe Spuren hinterlassen haben. Von Angstzuständen und einer posttraumatischen Belastungsstörung, die ihren Alltag bis heute begleitet. Bilder tauchen wieder auf. Erinnerungen drängen sich ungefragt nach vorne. Manchmal reichen Stress oder Unsicherheit, damit der Körper dichtmacht.
„Das war eine ganz neue Welt“
Dazu kommt ihre Spastik, die Alina liebevoll „Dieter“ nennt. Wenn „Dieter“ auftaucht, wird vieles schwerer. Bewegungen verkrampfen sich. Situationen kippen. Manchmal durch Angst. Manchmal durch Überforderung. Manchmal sogar durch zu viel Aufregung oder Freude. Und trotzdem sitzt da diese junge Frau mit ihren 22 Jahren und lacht. Lacht über Mallemusik. Über kleine Späße. Über sechs Stundenkilometer im Rollstuhl, die sich für sie manchmal anfühlen wie Fliegen. „Das war eine ganz neue Welt“, sagt sie über den Moment, als sie 2017 ihren Elektrorollstuhl bekam.
Maxima erzählt, wie die beiden nachts gemeinsam auf eine Kamera schauten, weil bei ihrem Partner zwei Fohlen geboren wurden. Wie Alina fast als Erste die kleinen Pferde kennenlernen durfte. Wie sie ihr Fotos schickt, wenn sie bei den Tieren ist. Wie sie gemeinsam einkaufen gehen, das Waffelbacken im Wohnverbund vorbereiten oder einfach nur zusammensitzen und reden. Und irgendwann versteht man: Hier geht es nicht um spektakuläre Heldengeschichten. Sondern um etwas viel Größeres. Um Menschen, die bleiben.
Stilles Versprechen
„Wir sind beide Kämpferinnen“, sagt Maxima irgendwann. Und Alina nickt sofort. Vielleicht ist genau das die eigentliche Geschichte dieses Nachmittags. Nicht die Angst. Nicht die Diagnose. Nicht einmal die Vergangenheit. Sondern dieses stille Versprechen zwischen zwei Menschen, dass niemand allein kämpfen muss.
Später, draußen vor dem Backmobil, fährt Alina lachend mit ihrem Elektrorollstuhl über den Hof. Maxima läuft neben ihr her, aufmerksam, aber ohne jede Übervorsicht. Eher wie jemand, der einfach da ist, falls man ihn braucht. Noch ein strahlendes Lächeln fürs Blogfoto – vor einer Woche wäre das undenkbar gewesen. Da hatte Alina noch Angst vor dem fremden Besucher mit Kamera und Aufnahmegerät. Jetzt schaut sie ihn direkt an, als er sich für das Gespräch bedankt. „Immer wieder gern“, sagt sie und lächelt.
Und genau das ist für den Geschichtenbäcker fast das Schönste an diesem Roadshowstopp in Flieden: Die Erkenntnis, dass aus Angst am Ende Vertrauen werden kann.









