
Zwischen Kobolden, Schubladen und Vorurteilen
Was Markus R. über Fantasie, Wahrnehmung und den zweiten Blick erzählt
Fritzlar - Markus R. senkt die Stimme. Fast verschwörerisch. Dann beginnt der 47-Jährige von Kobolden zu erzählen. Von kleinen Wesen, die sich verstecken, Schabernack treiben und Dinge verschwinden lassen. Er spricht von ihnen mit einer Selbstverständlichkeit, als würde er über Nachbarn reden.
Wer Markus dabei zuhört, weiß zunächst nicht so recht, was er davon halten soll. Vielleicht liegt das an den Kobolden. Vielleicht aber auch daran, dass das Gespräch in der Sozialpsychiatrie in Fritzlar stattfindet. Die Schublade, in die man ihn unweigerlich packen will, öffnet sich beinahe automatisch.
Und genau dort beginnt die eigentliche Geschichte. Denn Markus R. passt nicht besonders gut in Schubladen.
Wie ein Kobold - nur deutlich größer
Mit seinem roten Bart, den roten Haaren und seiner stattlichen Figur wirkt er selbst ein wenig wie einer jener Kobolde, von denen er erzählt. Nur deutlich größer. Vor allem aber fällt auf, mit welcher Begeisterung er spricht. Nicht nur über die kleinen Wesen. Über alles, was ihn interessiert.
Je länger das Gespräch dauert, desto deutlicher wird: Die Kobolde sind eigentlich nur der Anfang. Markus erzählt Geschichten. Er beobachtet. Er denkt nach. Er entdeckt Zusammenhänge, an denen andere vielleicht achtlos vorbeigehen würden. Und manchmal entstehen daraus Erzählungen, die für Außenstehende zunächst ungewöhnlich klingen mögen.
Seine Betreuerin Claudia Fritsch kennt diese Seite von ihm gut. Als das Gespräch auf die Kobolde kommt, muss sie lächeln. Wer Markus kenne, sagt sie, wisse, dass Fantasie zu ihm gehöre. Er sei ein Mensch mit einer lebhaften Vorstellungskraft, mit vielen Gedanken und einem Blick für Dinge, die anderen oft entgehen.
Ein Ausdruck seiner Kreativität
Das zeigt sich auch bei Spaziergängen. Während andere einfach einen Weg entlanggehen, entdeckt Markus Details, an denen viele vorbeilaufen würden. In knorrigen Bäumen erkennt er Figuren, in Landschaften Geschichten. Für Claudia Fritsch ist das keine Spinnerei, sondern Ausdruck seiner Kreativität und seiner Fähigkeit, die Welt auf eine besondere Weise wahrzunehmen.
Das mag der Grund sein, warum die Kobolde am Ende gar nicht das Wichtigste an dieser Geschichte sind. Wichtiger ist die Frage, warum sie uns überhaupt überraschen. Wer hört, dass ein Mensch in einer sozialpsychiatrischen Einrichtung lebt, hat oft schon ein Bild im Kopf, bevor das Gespräch überhaupt begonnen hat. Eine Vorstellung davon, wie dieser Mensch wohl sein wird.
Markus macht es einem schwer, an solchen Vorstellungen festzuhalten. Denn hinter den Kobolden steckt kein skurriler Einfall, über den man kurz schmunzelt und dann wieder zur Tagesordnung übergeht. Dahinter steckt ein Mensch, der sich etwas bewahrt hat, das vielen Erwachsenen im Laufe ihres Lebens verloren geht: die Fähigkeit, über Dinge zu staunen. Während viele Menschen versuchen, alles sofort zu erklären, zu bewerten und einzuordnen, lässt Markus Raum für Möglichkeiten. Für Geschichten. Für Geheimnisse.
Vielleicht muss man nicht an Kobolde glauben, um zu verstehen, was er meint. Vielleicht reicht es schon, sich daran zu erinnern, wie selbstverständlich Fantasie einmal war. Wie leicht es früher fiel, in Wolken Gesichter zu entdecken, in knorrigen Bäumen Figuren zu erkennen oder hinter jeder Wegbiegung ein Abenteuer zu vermuten. Mit den Jahren geht vieles davon verloren. Bei Markus scheint ein Teil davon geblieben zu sein.
Weil die Realität oft viel vielschichtiger ist
Seine Betreuerin erlebt immer wieder, dass Menschen überrascht reagieren, wenn sie ihn näher kennenlernen. Weil sie etwas anderes erwartet haben. Weil die Realität oft vielschichtiger ist als die Bilder, die wir uns von anderen machen. Und vielleicht ist genau das die eigentliche Botschaft dieses Nachmittags. Nicht die Frage, ob es Kobolde gibt. Sondern die Erkenntnis, dass Menschen mehr sind als Diagnosen. Mehr als Einrichtungen. Mehr als die Vorstellungen, die andere von ihnen haben.
Als das Gespräch endet, sind die Kobolde noch immer da. Irgendwo zwischen den Geschichten, die Markus erzählt hat. Ob es sie wirklich gibt? Vielleicht. Aber darauf kommt es gar nicht an. Bei der Einordnung hilft eine andere Erklärung ohnehin viel mehr. Markus stammt aus Irland. Dort gehören Kobolde, Feen und andere kleine Zauberwesen seit Jahrhunderten zu den Geschichten, mit denen Menschen aufwachsen. Sie sind Teil von Mythen, Erzählungen und einer Kultur, in der das Geheimnisvolle seinen festen Platz hat. Vielleicht ist es also gar nicht verwunderlich, dass Markus ihnen bis heute Raum gibt.
Viel wichtiger ist ohnehin etwas anderes. Wer Markus R. nur für ein paar Minuten begegnet, hört einen Mann von Kobolden erzählen. Wer sich die Zeit nimmt, genauer hinzuhören, begegnet einem Menschen voller Fantasie, Neugier und Geschichten. Vielleicht sollten wir uns diese Zeit öfter nehmen. Nicht nur bei Markus. Sondern bei allen Menschen, die auf den ersten Blick nicht in unser Bild passen. Denn manchmal braucht es nur ein etwas längeres Gespräch, damit aus einer Schublade ein Mensch wird.









