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„Nicht abgehoben. Sondern mitten im Alltag“

Stefan Zeiger über Glauben, Begegnungsängste und den Auftrag der Diakonischen Gemeinschaft

Treysa – Durch die geöffneten Fenster fällt Frühlingslicht ins alte Brüderhaus. 100 Jahre steht das Haus in Hephata. Aus einem Seminarraum dringt gedämpftes Stimmengewirr, irgendwo klappt eine Tür. Stefan Zeiger sitzt in seinem Büro, umgeben von Büchern, Bildern und kleinen Dingen, die für ihn mehr sind als Dekoration. Vor 40 Jahren wurde er selbst in Hephata zum Diakon ausgebildet. Heute ist er Geschäftsführer der Diakonischen Gemeinschaft Hephata – und spricht über Glauben, gesellschaftliche Veränderungen und darüber, warum Zuhören manchmal wichtiger ist als große Worte.

 

Herr Zeiger, wenn man versucht zu verstehen, wie Hephata Diakonie und die Diakonische Gemeinschaft zusammenhängen, wird es erstmal kompliziert. Wie erklären Sie das Menschen außerhalb?
Die gemeinsamen Wurzeln liegen im Jahr 1901 mit der Gründung des Hessischen Brüderhauses. Deshalb feiern wir auch in diesem Jahr gemeinsam Geburtstag. 125 Jahre werden wir alt. Damals war das alles noch eins. Die Diakone lebten hier im Brüderhaus, wurden hier ausgebildet und gingen von hier aus in die Arbeitsbereiche. Im Laufe der Geschichte haben sich daraus die heutige Hephata Diakonie und die Diakonische Gemeinschaft entwickelt. Organisatorisch ist vieles anders geworden. Aber bis heute steht unter dem Namen Hephata das Wort Diakonie. Und genau diesen Geist wollen wir weitertragen.

Was bedeutet das konkret?
Dass es hier nicht nur um Verwaltung oder Wirtschaftlichkeit geht. Sondern um einen Geist, um Haltung. Wir verstehen uns als spirituelle und geistliche Mitte der Hephata Diakonie. Nicht abgehoben. Sondern mitten im Alltag.

Sie sprechen häufig vom „Öffnen“. Warum ist dieses Thema für Sie so zentral?
Der Name Hephata stammt aus dem Markus-Evangelium. Jesus heilt dort einen Menschen, der nicht hören und sprechen kann, und sagt: „Öffne dich.“ Für mich steckt darin bis heute ein Auftrag. Menschen nicht klein zu halten. Menschen zu ermöglichen, ihre Stimme zu finden. Offen zu sein für Begegnung.

Haben Sie das Gefühl, dass diese Offenheit heute wieder wichtiger wird?
Absolut. Wir leben gleichzeitig in einer Gesellschaft der Vereinzelung. In manchen Mehrfamilienhäusern kennt man nicht mal mehr die Nachbarn. Und dann wundert man sich über Berührungsängste gegenüber Menschen mit Behinderungen oder psychischen Erkrankungen. Deshalb finde ich auch die Jubiläums-Roadshow so großartig. Da fährt plötzlich ein Fahrzeug, ein Backmobil, mitten in die Regionen hinein. Menschen begegnen sich. Kinder bringen ihre Eltern mit. Genau so entstehen Brücken.

Sie sprechen offen darüber, dass es trotz aller Fortschritte noch immer Barrieren in den Köpfen gibt.
Ja. Natürlich ist hier in Hephata unglaublich viel passiert. Vor 40 Jahren war das noch eine ganz andere Welt. Aber solche gesellschaftlichen Veränderungen brauchen Zeit. Ich habe als junger Mann erlebt, dass Menschen in Cafés aufgestanden und gegangen sind, wenn wir mit Rollstuhlfahrern hereinkamen. Das hat mich tief getroffen.

Und trotzdem glauben Sie an Veränderung?
Ja, unbedingt. Sonst würde ich diese Arbeit nicht machen. Wir haben heute integrative Kindergärten, neue Schulkonzepte, Wohngruppen mitten in Städten und Dörfern. Menschen nutzen den Campus zum Spazierengehen. Hephata öffnet sich immer weiter.

Ende Mai wird hier eine „Grüne Kapelle“ eröffnet. Was steckt dahinter?
Das ist ein Herzensprojekt. Eine offene Kapelle mitten auf dem Campus – unter freiem Himmel. Interreligiös, offen für unterschiedliche Glaubensrichtungen und Weltanschauungen. Nicht trennend, sondern verbindend. Gerade weil unsere Gesellschaft vielfältiger wird, brauchen wir Orte, an denen Begegnung möglich bleibt. Wir brauchen Orte an denen wir gemeinsam Andachten und Gottesdienste feiern können. Orte, an denen eine ganz  persönliche innere Einkehr stattfinden kann. 

Spüren Sie, dass Menschen wieder mehr nach Spiritualität suchen?
Sehr sogar. Viele merken im Alltag irgendwann, dass etwas fehlt. Sinn. Ruhe. Orientierung. Und das hat oft erstmal gar nichts mit klassischer Kirche zu tun. Menschen kommen hier rein und sagen: „Kann ich mal reden?“ Dann sitzen wir manchmal zwei Stunden zusammen. Wir sprechen über Konflikte. Führung. Familie. Überforderung. Glaubenszweifel. Sinnfragen. Und oft merken die Menschen gar nicht, dass das längst Seelsorge ist.

Was macht ein Diakon eigentlich? Das wissen viele gar nicht.
Ein Diakon hat immer eine Doppelqualifikation – also zum Beispiel sozialpädagogisch oder pflegerisch und gleichzeitig theologisches Wissen. Wir arbeiten oft sehr nah an den Menschen. In Gemeinden, in der Jugendhilfe, in Kliniken, in der Behindertenhilfe oder sozialen Arbeit. Für mich ist das vor allem eine Haltung. Den Menschen zugewandt zu sein. Zuhören zu können. Offen zu bleiben. Und sich bewusst zu machen, dass soziale Arbeit mehr sein kann als nur ein Beruf.

Sie sagen selbst, Hephata habe Sie verändert.
Sehr sogar. Ich war früher unglaublich schüchtern. Bis 14 oder 15 habe ich kaum geredet. Heute verdiene ich mit Reden mein Geld. Hephata hat mich stark gemacht.

Wenn heute jemand darüber nachdenkt, Diakon zu werden – was würden Sie dieser Person sagen?
Das ist ein besonderer Weg, der neben einer bewussten Entscheidung, Zeit, und Selbstreflexion verlangt. Dieser Weg ist unglaublich wertvoll. Weil man dabei auch sich selbst begegnet. 
 

Und vielleicht ist genau das am Ende der Gedanke, der über diesem ganzen Gespräch steht: Dass „Öffne dich“ nicht nur ein biblisches Wort bleibt. Sondern eine Haltung gegenüber anderen Menschen – und manchmal auch sich selbst.

 

 

Mobile Backstube kommt nach Treysa

Hephata wird 125 Jahre alt – und feiert das Jubiläum mit einer großen Roadshow durch alle Regionen. Am Samstag, 30. Mai, macht das Jubiläums-Backmobil Station bei der Diakonischen Gemeinschaft in Schwalmstadt-Treysa, wo an diesem Tag zudem das 100-jähriges Bestehen des Brüderhauses gefeiert wird.

Das Backmobil steht an diesem Tag zwischen 14 und 20 Uhr in der Elisabeth-Seitz-Straße 16, 34613 Treysa. 

Das Programm:

14 Uhr: 
Einweihung der „Grünen Kapelle“ mit Alphornbläsern und dem Trio „SaitenWind“ und einem Grußwort von Dr. Daniela Sommer, Vizepräsidentin des Hessischen Landtags

ab 15 Uhr: 

  • Kaffee und Kuchen aus dem Jubiläums-Backmobil
  • Buntes Programm alkoholfreie Cocktails, Hüpfburg und Livemusik mit dem Trio „SaitenWind“
  • „Open House“ mit Rundgang Diakonische Gemeinschaft Hephata, Öffentlichkeitsarbeit, Ländliche Familienberatung EKKW und HASTA (Hephata Allgemeiner Studierendenausschluss) öffnen ihre Türen.

ab 17 Uhr 
Herzhaftes aus dem Suppentopf

ab 19 Uhr 
Sundowner im Brüderkelle

Begleitet wird die Jubiläums-Roadshow von Spiegel-Bestseller-Autor Sascha Hoffmann als „Geschichtenbäcker“. Seine Eindrücke erscheinen unter anderem im Jubiläumsblog, in sozialen Medien sowie in einem Ende des Jahres erscheinenden Backbuch. Weitere Informationen und Anmeldung unter www.hephata.de/125/roadshow