Zum Hauptinhalt springen

„Aufgeben ist keine Option“

Manche Begegnungen bleiben länger im Kopf als andere. Vielleicht, weil jemand plötzlich so ehrlich spricht, dass man merkt, wie viel Vertrauen gerade in diesem Gespräch steckt. So ging es mir mit Sascha Plaum im Marta-Mertz-Haus. Er hat offen über Alkohol, Rückfälle, verlorene Jahre und neue Hoffnung gesprochen. Ohne Ausflüchte. Ohne Selbstmitleid. Dafür mit einer Ruhe, die beeindruckt.

Entstanden ist daraus eine sehr persönliche Geschichte über Abstürze, zweite Chancen und den Versuch, dem eigenen Leben wieder Richtung zu geben.

 

„Aufgeben ist keine Option“

Wie Sascha Plaum im Marta-Mertz-Haus darum ringt, seinem Leben wieder Richtung zu geben

Schwalmstadt – Sascha Plaum wirkt auf den ersten Blick wie jemand, der gelernt hat, Verantwortung zu tragen. Breite Schultern, ruhiger Blick, ein langer grauer Bart, Hände, die gearbeitet haben. Einer, der Dinge zu Ende bringt. Und vielleicht gerade deshalb so schwer versteht, warum ausgerechnet dieses eine Ziel ihm immer wieder entgleitet: abstinent zu leben. „Ich habe ja in meinem Leben doch einiges auf die Kette gekriegt“, sagt er. „Und genau das ist das, was mich daran so zermürbt.“

Plaum ist 54 Jahre alt. Chemielaborant. Jahrzehntelang im Beruf. Ein eigenes Haus. Eine Ehe. Ein Leben, das verlässlich wirkte. Bis es nicht mehr ging. 2018 verlor er erst den Job, dann das Haus, schließlich die Beziehung. „Da ist mein Leben, wie ich es bis dahin kannte, weggebrochen“, sagt er. Seitdem bewegt er sich durch Entgiftungen, Therapien, Einrichtungen. Kein dramatischer Absturz an einem einzigen Punkt. Eher ein langsames Abrutschen. Schritt für Schritt. Und irgendwann die Einsicht, dass der Alkohol längst kein Begleiter mehr war, sondern ein Gegner geworden ist.

Arbeit, Alltag, Verantwortung

Dabei begann seine Geschichte unspektakulär. Dorfjugend. Ein Bier mit vierzehn. Später mehr. Viel später zu viel. „Alkoholabhängig war ich wahrscheinlich schon Ende zwanzig“, sagt er heute. Jahrzehntelang funktionierte das trotzdem. Arbeit, Alltag, Verantwortung – alles lief weiter. Nach außen jedenfalls. „Ich war ein funktionierender Alkoholiker.“ Dass dieses Funktionieren irgendwann nicht mehr trägt, gehört zu den bittersten Erfahrungen seiner Biografie. „Wer die Einsicht nicht hat, wird nichts ändern können“, sagt er. „Aber mit der Einsicht ist es nicht getan.“

Heute lebt er im Marta-Mertz-Haus in Schwalmstadt. Sein Tag beginnt mit einem Plan. Was steht an? Was ist möglich? Was hält mich stabil? Struktur ist für ihn keine pädagogische Maßnahme. Sie ist Voraussetzung dafür, dass ein Tag nicht kippt. „Ich brauche Beschäftigung“, sagt er. „Ich muss was tun. Wenn ich nur auf der Bude sitze, geht das in die Hose.“ Aktuell arbeitet er im Berufsbildungsbereich. Perspektivisch möchte er in die Hauswirtschaft wechseln, vielleicht später in einen Werkstattarbeitsplatz. Arbeit bedeutet für ihn Ordnung. Rhythmus. Richtung. Und manchmal auch das Gefühl, wieder gebraucht zu werden. Der Kopf, sagt er, laufe sonst weiter. „Wie ein Motor auf Touren.“

„Das war wie unter einer Käseglocke.“ 

Rückfälle gehören weiterhin zu seinem Alltag. Er spricht darüber offen, ohne sich zu entschuldigen. „Ich arbeite daran, dass die Pausen zwischen den Rückfällen größer werden.“ Kein großer Satz. Aber einer, der zeigt, wie Veränderung tatsächlich aussieht. Was ihm im Marta-Mertz-Haus hilft, ist nicht Kontrolle, sondern Nähe zur Realität. In einer früheren Einrichtung habe ein strenges Regelwerk ihn zwar trocken gehalten, erzählt er. Aber nicht stabil gemacht. „Das war wie unter einer Käseglocke.“ Hier sei das anders. Offener. Und gerade deshalb tragfähiger. „Wenn ich allein wohne, ist niemand da, der mir auf die Finger haut. Hier schon.“

Besonders wichtig sind für ihn die Gespräche. Mit Mitarbeitenden. Mit anderen Bewohnern. Mit Menschen, die wissen, wovon er spricht. „Jemand, der damit arbeitet, kennt die Problematik. Noch besser ist jemand, der sie erlebt hat.“ Was ihm besonders fehlt, ist nicht nur sein Haus, das er verloren hat. Es ist das Gefühl, etwas Eigenes zu haben. „Ich habe 27 Jahre darin gewohnt“, sagt er. „Das war mein Ding.“ Mit dem Kopf, sagt er, sei er dort manchmal noch immer. Und trotzdem richtet sich sein Blick nach vorn. Er möchte wieder in einer eigenen Wohnung leben. Eine sinnvolle Tätigkeit haben. Vielleicht noch einmal Nähe zulassen. Vielleicht ein Motorrad fahren. Irgendwann. Keine großen Träume. Aber konkrete. „Aufgeben ist keine Option“, sagt er. Und dann lächelt er kurz. Nicht trotzig. Eher ruhig. So, als wüsste er selbst, dass dieser Satz kein Versprechen ist – sondern eine Entscheidung, die jeden Tag neu getroffen werden muss.