
Das Prinzesschen von Hephata
Seit 70 Jahren lebt Karin Krambeer in Hephata. Eine Geschichte über Krieg, Erinnerungen, glitzernde Haarspangen – und ein Zuhause fürs ganze Leben.
Neukirchen – Wenn Karin Krambeer von früher erzählt, springt ihre Erinnerung manchmal wie ein alter Film. Berlin. Krieg. Frankfurt an der Oder. Konfirmandenunterricht bei Pfarrer Vogt. Und irgendwann immer wieder Hephata. Seit unglaublichen 70 Jahren.
„56 bin ich gekommen. Im Juni“, sagt sie stolz. Den genauen Tag kennt sie noch immer: den 21. Juni 1956. Da war Karin Krambeer 13 Jahre alt. Heute ist sie 83 – und vermutlich einer der Menschen, deren Lebensgeschichte so eng mit Hephata verwoben ist wie kaum eine andere. Sieben Jahrzehnte. Ein ganzes Leben. Fast.
Als sie nach Hephata kam, war Deutschland noch jung. Konrad Adenauer regierte, viele Straßen trugen die Wunden des Krieges, Fernseher flimmerten schwarz-weiß in die Wohnzimmer. Seitdem sind Generationen gekommen und gegangen. Mauern wurden gebaut und eingerissen. Aus Schreibmaschinen wurden Smartphones. Menschen wurden geboren, alt und starben wieder.
Und Karin war die ganze Zeit hier.
Sie sah Hephata sich verändern, Gebäude verschwinden und neue entstehen. Menschen sterben, andere kommen. Aus Mädchen wurden alte Frauen. Aus Betreuerinnen Erinnerungen. Und während draußen Jahrzehnte vorbeizogen wie vorbeirauschende Landschaften aus einem Zugfenster, blieb für Karin vieles immer mit diesem Ort verbunden. Mit Bethanien. Mit Bethesda. Mit dem Sonnenhof. Mit Menschen, deren Namen sie bis heute nicht vergessen hat.
Als wäre immer ein bisschen Sonntag
Wer der resoluten Lady begegnet, vergisst sie ohnehin nicht so schnell. Karin sitzt in der Goethestraße des Wohnverbunds Neukirchen oft geschniegelt wie für einen kleinen Festtag. Eine rosafarbene Strickjacke, die aussieht, als wäre immer ein bisschen Sonntag. Lackierte Fingernägel. Kecke Zebraschuhe. Im Haar eine glitzernde Spange, die aussieht wie ein kleines Krönchen. „Prinzesschen“ nennen sie viele hier liebevoll. Und tatsächlich wirkt es manchmal, als hätte Karin sich ihre eigene kleine royale Welt gebaut. „Bloß nicht grau werden“, sagt sie bestimmt und fährt sich durchs frisch gefärbte Haar.
Wenn im Fernsehen königliche Hochzeiten laufen, schaut sie begeistert zu. Weiße Pferde. Brautkleider. Kutschen. Schmuck. Alles Schöne interessiert sie. Vielleicht, weil Schönheit in ihrem Leben nie selbstverständlich war. Denn hinter ihrer ruhigen Stimme liegt auch ein Leben voller Brüche. Geboren 1942 in Berlin – mitten im Krieg. Heimaufenthalte. Pflegefamilien. Frühe Verluste. Ihre Eltern hat sie nie richtig kennengelernt. „Gott sei Dank nicht“, sagt sie leise. Kein dramatischer Satz. Eher einer, der über Jahrzehnte still geworden ist.
Wer ihr zuhört, merkt schnell: Karin Krambeer erzählt nicht chronologisch. Ihre Erinnerungen funktionieren anders. Sie springen von Berlin nach Treysa, von einem Lehrer namens Putzelmann zu den Bretterböden beim Jahresfest, von Konfirmandenstunden zu glitzernden Ohrringen, die sie einmal verloren hat. Und doch entsteht aus all diesen kleinen Splittern langsam das Bild eines Lebens, das fast vollständig in Hephata stattgefunden hat. Hephata wurde für sie irgendwann mehr als nur ein Wohnort. Eher so etwas wie eine Lebenslinie.
Sonnenhof fast wie ein Schloss
Sie half früher schwächeren Bewohnern, bastelte Teelichtgläser, flocht Körbe, arbeitete „bei Horst in der Gärtnerei“ und später im Kräutergarten. Selbst in der Fachschule war sie bekannt. „Komm ruhig rein, Karin“, hätten die Lehrer dort oft gesagt. Besonders gern erinnert sie sich an den Sonnenhof, wo sie lebte, bevor sie in die Goethestraße umzog. Das frühere Kurhotel mit seinem kleinen Turm sehe „wie ein Schloss“ aus, sagt sie. Vielleicht fühlte sie sich dort wirklich ein bisschen wie eine Prinzessin. Heute sitzt Karin manchmal vor dem Haus des Wohnverbunds in der Goethestraße, hört laut Radio oder spaziert in den nahegelegenen Supermarkt. Wenn sie erzählt, verschwimmt inzwischen vieles. Aber manches bleibt erstaunlich klar. Der 21. Juni 1956 zum Beispiel, als sie nach Hephata kam.
Heute, im Jubiläumsjahr „125 Jahre Hephata“, blickt auch Karin Krambeer auf ein außergewöhnliches Jubiläum zurück: 70 Jahre voller Häuser, Menschen, Erinnerungen und Veränderungen. Vielleicht ist genau das das Besondere an Karin Krambeer: Dass sie längst nicht mehr nur zu Hephata gehört. Sondern selbst ein Stück dieser Geschichte geworden ist. „Ja“, sagt sie und lächelt. „Hier ist mein Zuhause.“







