
Niemand geht hier verloren
Im Quartier Ziegenhain ist aus Zusammenleben längst etwas Tieferes geworden
Ziegenhain – Der Regen hängt noch grau zwischen den Häusern der Hessenallee, als plötzlich Musikfetzen, Gelächter und der Duft von frischem Kuchen über den Hof ziehen. Menschen kommen aus unterschiedlichen Richtungen zusammen, ziehen Kapuzen zurück, stellen sich unter das Vordach des Backmobils, reden durcheinander, begrüßen sich wie alte Freunde. Und obwohl das Quartier Ziegenhain aus mehreren Häusern besteht – der Hessenallee 11, dem Grünen Weg 6 und der Bredastraße 18 – wirkt es an diesem Nachmittag, als würden hier alle zu einem einzigen großen Zuhause gehören.
Bewohnerin Svenja Sauer erzählt von gemeinsamen Reisen an die Ostsee oder bald nach St. Peter-Ording. Besonders angetan haben es ihr die Frauenabende, die es inzwischen seit zehn Jahren gibt. Mal geht es zum Italiener, mal einfach nur ins Café. Sie sitzen zusammen, reden, lachen, tratschen. Selbst während Corona hätten sie das nicht einschlafen lassen, erzählt Hephata-Mitarbeiterin Anja Lanz-Jäger. Dann eben draußen im Garten. Mit Abstand vielleicht, aber nie wirklich getrennt. Während sie erzählt, leuchtet etwas auf in den Gesichtern der Frauen. Erinnerungen, die offenbar größer geworden sind als bloße Unternehmungen. Denn je länger man zuhört, desto deutlicher wird: Hier ist über die Jahre etwas entstanden, das sich kaum planen lässt. Vertrautheit.
Das Leben hat sich verändert
Viele Bewohner leben seit Jahrzehnten im Quartier. Manche kamen schon als junge Erwachsene hierher. Früher fuhren viele am Wochenende noch zu ihren Eltern nach Hause. Heute sind manche dieser Eltern alt geworden, krank geworden oder gestorben. Das Leben hat sich verändert. Langsam manchmal. Manchmal brutal schnell. Und genau dadurch ist offenbar etwas entstanden, das tiefer geht als bloßes Zusammenleben.
Als Anja Lanz-Jäger darüber spricht, wird Klientin Isabel Hehr plötzlich still. Eben hat sie noch gelacht. Jetzt schaut sie kurz nach unten, als wäre sie mit ihren Gedanken auf einmal ganz woanders. Svenja Sauer merkt es sofort. Ohne großes Aufheben legt sie den Arm um ihre Mitbewohnerin und zieht sie näher zu sich. Es ist nur eine kleine Bewegung. Für sie offenbar eine selbstverständliche. Und gerade deshalb trifft sie mitten ins Herz. Kein pädagogischer Moment. Keine inszenierte Fürsorge. Sondern einfach Nähe. Vertrautheit. Als wäre dieses gegenseitige Auffangen hier längst Teil des Alltags geworden.
„Alle Stimmen ein Chor”
Dann erzählt Anja Lanz-Jäger vom gemeinsamen Singen im Quartier. Vom eigenen Lied, das Teamleiterin Livia Mühling gemeinsam mit ihren Söhnen geschrieben hat: „Alle Stimmen ein Chor, wir teilen uns die Melodie. Niemand geht hier verloren, wenn wir zusammen singen.“
Die Zeilen bleiben für einen Moment zwischen den Menschen im Hof stehen. Vielleicht, weil plötzlich klar wird, dass dieses Lied viel größer ist als nur Musik. Es erzählt von Menschen, die einander Platz geben. Die zusammen traurig sein können, ohne dass jemand dafür viele Worte braucht. Die sich gegenseitig mitziehen, wenn das Leben schwer wird. Und die gelernt haben, dass Gemeinschaft manchmal genau dort beginnt, wo niemand mehr erklären muss, warum er gerade still geworden ist.
Inzwischen scheint die Sonne voll in den Innenhof der Hessenallee. Die dicken Jacken sind längst ausgezogen. Isabel Hehr sitzt da in ihrem Pullover mit der Aufschrift: „Hab einen wundervollen Tag.“ Und seltsamerweise wirkt dieser Satz an diesem Nachmittag kein bisschen kitschig. Vielleicht, weil im Hof der Hessenallee gerade sichtbar wird, was wachsen kann, wenn Menschen so bedingungslos füreinander da sind.







