
Der Ort hinter dem Absturz
Im Margot-von-Schutzbar-Stift in Wommen erzählen zwei Männer von Sucht, epileptischen Anfällen – und davon, wie es sich anfühlt, plötzlich wieder sicher zu sein.
Wommen – Alle zwei Stunden brauchte Holger Haarbusch neuen Stoff. Crack. Kokain. Heroin. Dazwischen Nächte im Frankfurter Bahnhofsviertel, in denen Menschen angezündet, ausgeraubt oder im Schlaf bestohlen wurden. „Da lernst du, nur noch mit einem Auge zu schlafen“, sagt er. Jetzt trägt er Strohhut, Sonnenbrille und gießt Blumenbeete hinter dem Margot-von-Schutzbar-Stift in Wommen.
Die Szene wirkt fast unwirklich friedlich. Mittagssonne liegt über dem Hof, irgendwo klappert Geschirr, vor dem Backmobil sitzen Bewohner bei Erdbeerkuchen und Kaffee. Haarbusch dreht den Wasserschlauch in seiner Hand und schaut kurz hinüber zur Wiese, als läge Frankfurt nicht nur Hunderte Kilometer entfernt, sondern mehrere Leben.
Geschichte beginnt eigentlich viel früher
Viele Jahre auf der Straße. Lange Zeit exzessiver Crack- und Kokainkonsum. Tage, die nur noch aus Suchtdruck bestanden, aus Beschaffung, aus dem Versuch, irgendwie bis zur nächsten Dosis durchzuhalten. Dass seine Geschichte eigentlich noch viel früher beginnt, deutet er nur an. Missbrauch in der Kindheit. Ein Stiefvater, vor dem er Angst hatte. Drogen als Betäubung. Nicht mehr denken müssen. Nicht mehr fühlen müssen. Wenn Haarbusch darüber spricht, verändert sich seine Stimme kaum. Gerade das macht die Sätze so schwer. Und trotzdem kreist dieses Gespräch erstaunlich selten um Elend. Sondern um Dinge, die für viele Menschen vollkommen selbstverständlich sind. Morgens aufstehen. Aufgaben haben. Dass jemand wartet. Dass jemand merkt, wenn man fehlt.
„Ich werde gebraucht“, sagt der 45-Jährige. Er sagt den Satz ruhig. Fast nebenbei. Und genau deshalb trifft er so hart. Denn wer jahrelang nur funktioniert hat, um die nächste Droge zu organisieren, für den wird gebraucht zu werden irgendwann etwas Existenzielles. Haarbusch weiß selbst ziemlich genau, wo er ohne diesen Ort heute wäre. „Wieder auf der Straße“, sagt er.
Es fällt auf, wie oft er über Sicherheit spricht. Über Struktur. Darüber, dass hier niemand nachts verschwindet. Niemand plötzlich tot neben einem liegt. Dass er schlafen kann. „Ich bin hier unter der Käseglocke“, sagt er. „Hier bin ich sicher.“
Dem eigenen Körper nicht vetrauen können
Ein paar Meter weiter sitzt Jan Schneider auf einer Bank im Schatten. Hinter ihm ragt der alte Turm des Stifts in den blauen Himmel. Menschen laufen über den Hof, irgendwo rollt ein Rollator über das Pflaster. Früher arbeitete der 58-Jährige im IT-Bereich. Heute lebt er mit den Folgen schwerer epileptischer Anfälle, eines schlimmen Autounfalls, körperlicher Rückschläge und langer Klinikaufenthalte. Er erzählt von Stürzen, von dem Gefühl, plötzlich dem eigenen Körper nicht mehr vertrauen zu können.
Während eines Anfalls stürzte er auf dem Hof, musste wieder lernen, überhaupt geradeaus zu laufen. Heute geht er wieder mit Rollator allein über das Gelände. Kleine Wege nur. Aber Wege, die sich für ihn nach etwas anfühlen, das lange verloren war. Schneider spricht nicht von Wunderheilung. Sondern davon, wie viel es bedeutet, dass jemand sofort kommt, wenn etwas passiert. Dass Mitbewohner reagieren. Dass hier Menschen wissen, was bei einem epileptischen Anfall zu tun ist.
Während draußen vor dem Backmobil Erdbeerkuchen verteilt wird, sitzen mitten in Wommen Menschen, die irgendwann irgendwo aus ihrem Leben gefallen sind. Nicht plötzlich. Eher langsam. Schritt für Schritt. Und genau deshalb wirken die Gespräche an diesem Nachmittag so lange nach. Weil hier niemand versucht, Heldengeschichten zu erzählen. Niemand spricht von Heilung oder Happy End. Die Vergangenheit verschwindet nicht einfach. Der Suchtdruck ist nicht weg. Die Angst vor neuen Anfällen auch nicht.
Aber zwischen Kaffeetassen, Rollatoren, gemähtem Rasen und einem stillen Hof entsteht etwas anderes: das Gefühl, wieder einen Platz zu haben. Einen Ort, an dem jemand merkt, wenn man fehlt. Und manchmal reicht genau das, damit ein Mensch nicht verloren geht.









