
Der Mann, der wieder träumen lernt
Im Zechenhof beginnt für Alexander Stieler ein neues Kapitel – und mit ihm die Hoffnung auf ein Leben jenseits der Sucht
Nassenerfurth – Alexander Stieler kann nicht stillsitzen. Sein rechter Fuß wippt. Die Hände sind ständig in Bewegung. Gedanken springen schneller, als Worte hinterherkommen. Wenn er erzählt, scheint sein ganzer Körper mitzuerzählen.
Dann spricht er über Hummeln. Über ein Nest auf der Terrasse des Zechenhofs. Darüber, wie die Tiere kommen und gehen. Darüber, dass er ihnen manchmal einfach zuschaut. Es sind Sätze, die man von Alexander Stieler nicht erwartet. Nicht nach dem, was er erlebt hat. Nicht nach dem, was sein Leben jahrzehntelang bestimmt hat. Denn lange Zeit gab es in seinem Leben keinen Platz für morgen.
„Hauptsache, es hat gekickt“, sagt der 45-Jährige. Ein Satz, der sich wie ein roter Faden durch seine Geschichte zieht. Die erste Zigarette raucht er nach dem Kommunionsunterricht. Mit 13 probiert er den ersten Joint. Später folgen Amphetamine, Ecstasy, Kokain, Heroin und Alkohol. Immer weiter. Immer mehr. Immer auf der Suche nach dem nächsten Rausch. „Ich wollte immer das erleben, was noch extremer ist.“
Vier Tage wach. Drei Tage schlafen.
Wenn Alexander von der Technoszene erzählt, verändert sich etwas. Die Bewegungen werden schneller. Die Augen größer. Die Stimme lauter. Für einen Moment scheint die Vergangenheit wieder durch. Die Unruhe sitzt noch immer irgendwo unter der Oberfläche. Das merkt man, sobald er von den Nächten erzählt, in denen Bässe bis in den Brustkorb hämmerten und Schlaf keine Rolle spielte. Vier Tage wach. Drei Tage schlafen. Dann wieder von vorn.
Während andere eine Ausbildung machen, Familien gründen oder ihren Platz im Leben suchen, jagt Alexander dem nächsten Kick hinterher. Immer schneller. Immer intensiver. Die Tage verschwimmen. Die Jahre ebenso. „Mein Leben huschte nur so an mir vorbei“, sagt er heute.
Aufgewachsen ist er in Fulda. Der Vater arbeitet als Sanitärtechniker, die Mutter als Erzieherin. Vier jüngere Schwestern gehören zur Familie. Nach außen wirkt vieles normal. Doch Alexander verliert sich immer tiefer in einer Welt, in der der nächste Rausch wichtiger wird als alles andere. Dabei erzählt er etwas, das zunächst gar nicht zu dem Bild des kompromisslosen Draufgängers passen will. „Alleine sein ist für mich das Schlimmste, was es gibt.“ Vielleicht erklärt dieser Satz mehr als alle anderen.
Auf jeden Rausch folgt die Rechnung
Alexander ist ein Mensch, der Nähe sucht. Der Gespräche braucht. Der dazugehören möchte. Der Menschen um sich haben will. Die Drogen liefern ihm genau das. Da ist Gesellschaft. Die nächste Party. Das Gefühl, dazuzugehören. Die Jahre vergehen. Und irgendwann folgt auf jeden Rausch die Rechnung. Ein Freund stirbt an einer Überdosis. Alexander wacht am nächsten Morgen neben ihm auf. Ein Schock. Doch er macht weiter.
Später kommen Psychosen hinzu. Schlaflose Nächte. Verfolgungsängste. Stimmen im Kopf. Schließlich greift er in einer psychotischen Phase seine eigene Mutter an, weil er sie nicht mehr als seine Mutter erkennt. Wenn er heute davon erzählt, senkt er kurz den Blick. Er schämt sich noch immer.
Danach folgt die geschlossene Unterbringung. Zunächst gegen seinen Willen. „Ich habe meine Betreuerin dafür gehasst“, sagt er heute. Damals wartet er nur darauf, wieder rauszukommen. Doch irgendwann beginnt sich etwas zu verändern. Nicht plötzlich. Nicht mit einem einzigen Schlüsselmoment. Eher wie ein langsames Erwachen nach einer viel zu langen Nacht.
„Das ist jetzt meine letzte Chance“
Eine Schwester bricht den Kontakt zu ihm ab. Andere Angehörige bleiben vorsichtig. Alexander beginnt zu begreifen, wie viel Leid seine Sucht nicht nur ihm selbst, sondern auch den Menschen um ihn herum zugefügt hat. „Das ist jetzt meine letzte Chance“, sagt er mit leiser Stimme. Heute lebt er im Zechenhof. Seit anderthalb Jahren ist er ohne Rückfall geblieben. Die Mitarbeitenden trauen ihm inzwischen so viel zu, dass er bereits in eine Außenwohngruppe umziehen durfte. Bald möchte er verschiedene Praktika ausprobieren. Vielleicht etwas mit Holz. Vielleicht etwas, bei dem er mit Menschen arbeiten kann.
Vor allem aber hat sich etwas verändert, das sich nicht messen lässt. Alexander hat wieder Träume. Er spricht von Arbeit. Von einer Partnerin. Vielleicht sogar von einem Kind. Von Familie. Von einem Zuhause. Die innere Unruhe ist geblieben. Vielleicht wird ein Teil davon immer zu ihm gehören. Doch heute richtet sich diese Energie nicht mehr auf den nächsten Absturz. Sie richtet sich nach vorn. Und vielleicht liegt darin die größte Veränderung.
Heute sitzt derselbe Mann, der einst vier Tage wach blieb und durchfeierte, auf einer Terrasse und schaut Hummeln zu. Es klingt nach einer Kleinigkeit. Für Alexander Stieler ist es eine Revolution. Denn zum ersten Mal seit langer Zeit jagt er nicht mehr dem nächsten Kick hinterher. Sondern etwas, das ihm all die Jahre gefehlt hat: der Traum von einer Zukunft.









